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2016-10-19

SWANS und ANNA VON HAUSSWOLFF live im Kampnagel, Hamburg (17.10.2016)

Swans

Als mein Frühstücksbrötchen plötzlich blutrot war, weil ich es irgendwie geschafft hatte, mir selbst in die Lippe zu beißen, dachte ich eigentlich, ich hätte mein Pensum an Montagsereignissen durch. Dem war allerdings nicht so, stauchte ich mir doch wenig später auch noch den Zeigefinger beim Zerknüllen von Packpapier und kippte mindestens einen großen Schluck Energydrink auf meine Tastatur. Letztes entpuppte sich später als der lästigste dieser Unfälle, da meine Leertaste in Folge dieses Missgeschicks nicht mehr ordentlich anschlägt, was das Tippen zu einer mittleren Nerventortur macht. Deswegen kommt dieser Bericht auch etwas später als eigentlich geplant.

Am frühen Abend war meine Pechsträhne zum Glück beendet. Ich kam relativ zügig nach und durch Hamburg, fand ein paar hundert Meter vom Kampnagel entfernt noch einen Knausererparkplatz (anstatt das Parkhaus direkt am Veranstaltungszentrum nehmen zu müssen) und konnte mich vor dem Konzert direkt an der Bühne postieren.

Anna von Hausswolff

Mit der dreiköpfigen Band um Anna von Hausswolff haben die Swans auf dieser Tour einen mehr als würdigen Supportact dabei. Die beiden letzten Alben der Schwedin, "Ceremony" und "The Miraculous" sind atmosphärisch packende Glanzstücke mit einer musikalischen Mischung aus düsterer Orgelmusik, Artrock, Gothic, Ambient, Doom und Dream Pop, über der eine magische Stimme schwebt, die Vergleiche zu Kate Bush und Lisa Gerrard (Dead Can Dance) nicht zu scheuen braucht. Bisweilen ist das Ganze auch durchaus mit dem heutigen Headliner zu Jarboe-Zeiten zu vergleichen.

Welche Stücke dieser Alben würde sie wohl spielen? - Keine.
Statt sich auf bewährtes zu verlassen, präsentierte Anna von Hausswolff (und sie heißt wirklich so) in ihrem vierzigminütigen Set ausschließlich brandneues Material und hielt sich dabei mit Popappeal sehr zurück. Mit ihr selbst an Orgel und z.T. Basspedalen und Akustikgitarre, einem E-Gitarristen, so einem weiteren Keyboarder / E-Drummer / Knöpfchendreher baute sie vor allem auf sich allmählich steigernde, von Loops getragene Droneklänge.

Ihre Stimme setzte sie dabei eher selten ein, doch wenn sie es tat, dann wurde es magisch. Musik aus einer anderen Dimension!

Es war ein großartiger Auftritt und die perfekte Einstimmung auf die zwei Stunden brachialer Urgewalt, die nach nicht allzu langer Umbaupause kommen sollen.


Swans

Da war sie also, die letzte Hamburg-Show der letzten Tour zum letzten Album der Swans - in dieser Inkarnation zumindest. Irgendwann wird es also irgendwie weitergehen, vermutlich mit weniger krachmaximalistischer Philosphie (mehr ginge ja auch kaum noch), doch genaue Pläne hat wohl selbst Meister Michael Gira noch nicht.

Einen Besetzungswechsel gegenüber den vorigen beiden Touren gab es allerdings jetzt schon: Die Umfangreiche multiinstrumentale Percussion-Ecke vom mächtigen Thor Harris fehlte. Ersetzt wurde er durch einen Keyboarder, was optisch einem Wechsel von Barbar zu Disco Stu gleichkam, sich klanglich allerdings gar nicht so dramatisch ausgewirkt hat.

Die Frage vor der Tour war für mich ja, ob das Set angesichts der speziellen Situation diesmal vielleicht etwas retrospektiver ausfallen würde, also mit einem größeren Schwerpunkt auf bereits bekanntem Material. Die Antwort darauf folgte gleich zu Beginn mit "The Knot", einer Neukomposition, die gleich mal bei satten fünfzig Minuten anschlug!
Der Lautstärkelevel setzte natürlich gleich beim Höchstpegel von Anna von Hausswolff an und steigerte sich stufenweise weit über die elf hinaus.

Ich muss zugeben, dass die ersten halbe Stunde Swans für mich auch noch vom hervorragenden Eindruck ihrer Supportkünstlerin überlagert wurde. "The Knot" war in großen Teilen auch sehr grobes, urweltliches Handwerk. Und so faszinierend es ist, dabei zuzusehen wie Michael Gira das gesamte infernalische Geschehen um ihn herum orchestriert, wie die komplette Band genau auf seine Zeichen- und Körpersprache reagiert, als wäre sie eine monströse Erweiterung seiner selbst, so sehr musste ich auch erkennen, dass mit dieser Version der Swans jetzt alles gesagt ist. Vieles war dann doch more of the same, auf hohem und ohrenzerfetzend lauten Niveau durchaus, aber prinzipiell nicht wirklich vom vorigen Schaffen der letzten Jahre zu unterscheiden. Die volle Diversität der Gruppe wiederzugeben, so wie die Studioalben sie demonstrieren, war ja niemals Giras Absicht.

Außer dem Opener gab es mit den Epen "Cloud Of Forgetting", "Cloud Of Unknowing" und "The Glowing Man" vom gleichnamigen Album, sowie dem "To Be Kind"-Opener "Screen Shot" noch reichlich vertrautes Material in noch klar erkennbaren Versionen zu hören. Dazu noch ein eher flottes, kürzeres neues Stück namens "The Man Who Refused To Be Unhappy".

Insgesamt war es wieder eine überwältigende hypnotische Ganzkörpererfahrung mit vielen Höhepunkten für Noisiasten, aber auch dieser einen ganz erstaunlichen Passage, als das Volumen der sechs Musiker tatsächlich so weit abgesenkt wurde, dass man - zumindest in der ersten Reihe - Gira sogar ohne Mikrofon singen hören konnte.

Auf alle Musiker einzugehen, spare ich mir hier, nur Chris Pravdica möchte ich explizit herausheben. Denn wenn Michael Gira Hirn und Steuereinheit der ganzen Operation ist, dann ist der brutal groovende, ständig seine Pedale und den Lautstärkeregler an seinem Instrument in Bewegung haltende Bassist wohl der Motor des Ganzen. Der Mann ist für sich bereits eine Show.

Am Ende waren alle rundum glücklich. Gira hatte sich einen Fingernagel eingerissen, Gitarrenriese Norman Westberg seinen Sunn-Verstärker offenbar zerschossen.
Wieviele Trommelfelle Schaden genommen haben, weiß man nicht.
Das Kampnagel-Gebäude steht noch. Ein Gesundheits-Check durch einen Statiker kann aber sicherlich nicht schaden.

Wer die Post-Reunions-Swans nie live erlebt und auch diese letzte Gelegenheit verpasst hat, der wird wohl oder übel etwas weniger schlau sterben müssen. Denn in diese Fußstapfen dürfte auf lange Zeit wohl niemand zu treten wagen. 


Und yesss! Ich habe das komplette Review ohne den offensichtlichen Begriff "Schwanengesang" geschafft!



Anna von Hausswolff:









Swans:


























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