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2017-10-03

MYRKUR - Mareridt

Fünfzehnjährige Black-Metal-Elitisten mit irrationaler Angst vor Frauen, ihr müsst jetzt ganz stark sein! Die böse (oder gute... was ist schlimmer für euch?) Amalie Bruun hat wieder zugeschlagen.

Und das neue Album der dänischen Sängerin und Multiinstrumentalistin als ambitioniert zu bezeichnen, muss schon beinahe als Untertreibung gewertet werden. Bruun aka Myrkur will es hier wirklich wissen.




MYRKUR - Mareridt (2LP Deluxe Edition / red blood inside clear with blue splatter) (2017)

Insbesondere nach der letzten Myrkur-EP "Mausoleum" ist es natürlich keine Überraschung, dass sich die musikalische Bandbreite auf "Mareridt" gegenüber dem Vorgänger "M" noch vergrößert hat. Das bestätigt schon ein Blick auf die langen Listen in den Credits des Albums.

Da ist zum einen die Liste der Instrumente, die Bruun alleine bereits bedient, und die neben Gesang und Gitarre u.a. Klavier, Geige und die mit beiden irgendwie verwandte, skandinavische Nyckelharpa einschließt.
Die andere Liste ist die der Mitmusiker und Kollaborateure auf diesem Werk, die neben den üblichen Bass, Gitarre, Drums auch Harfe, Chor, Loops, Kontrabass und vieles mehr bedienen.

Namen, die speziell ins Auge fallen sind Dröhnspezialist und Sunn O)))-Produzent Randall Dunn, der hier auch für Aufnahme und Mix verantwortlich ist, und natürlich die von mir ebenfalls demnächst wieder rezensierte Chelsea Wolfe, mit der Bruun zwei Duette eingespielt hat, eines davon ebenso inklusive Wolfes musikalischem Partner Ben Chisholm.

Jenes gibt es allerdings nur auf der Bonus-LP zu hören, womit ich zu den Eigenheiten dieser Deluxe Edition komme:

Auf den ersten Blick fällt das alternative Coverartwork auf. Während das normale Cover, welches ein Foto von Amalie Bruun im einschnürenden Fetischgeschirr über schwarzem Kleid vor weißem Hintergrund zeigt (und mir in seiner direkten Schlichtheit durchaus gefällt) hier in abgeänderter Form auf der Innenseite des Gatefolds und einem beiliegenden Sticker gewürdigt wird, prangt vorne nun ein noch schöneres, alptraumhaftes Gemälde.

Die beiden Schallplatten (eine davon einseitig abspielbar mit fünf Bonustracks) versuchen die Farben dieses Bildes aufzugreifen, schießen dabein allerdings übers Ziel hinaus. Eine weitaus dezentere Farbgebung wäre stilsicherer gewesen. Aber was soll's, ich wollte ja die zusätzlichen Musikstücke haben.

Wie bei Relapse Records gewohnt, liegt ein Downloadcode bei.




"Mareridt" ist das dänische Wort für "Alptraum", das Album direkt von einer Zeit starker Schlafstörungen beeinflusst. Ein Konzept, welches sehr vertraut klingt, zumindest wenn man Fan von Modern-Gothic-Königin Chelsea Wolfe ist, die auf "Abyss" eine ganz ähnliche kreative Verarbeitung ihrer Erfahrungen vollzog.

Und tatsächlich rückt Myrkur hier auch mehr in Wolfes Nähe, präsentiert sich hier weniger denn je als Vertreterin eines spezifischen Musikgenres, sondern in erster Linie als Sängerin und Songwriterin, welche die Mittel unterschiedlicher Genres nutzt, um sich auszudrücken.

Zu diesen Mitteln gehören nach wie vor ursuppiger Traditionsblackmetal und märchenhaft-klerikale Passagen. Nordische Folklore spielt sogar eine noch größere Rolle als vorher, genau wie Ambient und introvertierter bis hymnischer Pop.
Damit all dies Platz findet, ist der Metalanteil zwar kleiner geworden, doch sollte ich mich für einen Stil entscheiden müssen, um "Mareridt" zu beschreiben, wäre dies immer noch Black Metal, einfach weil das Kreischgeblaste für viele Hörer sicherlich am ehesten ein Ausschlussargument sein dürfte.

Alle anderen Elemente kommen in so dunkler Form, dass man als Black Metaller schon einen gewaltigen Stock Trueness im Hintern stecken haben muss, um nicht zumindest tendentiell angesprochen zu werden.


Die Musikvideoauskopplung "Ulvinde" ist auf jeden Fall die größte Annährung an - sage ich mal ganz mutig - nightwishig pop-metallische Singalongigkeit, die sich auf "Mareridt" finden lässt. Wer also das Gefühl hat, ihm ist dieses Stück vielleicht schon etwas zu viel Chorgekitsche, der sollte trotzdem mal den Rest des Albums probehören, da dieser Song (den ich persönlich übrigens super finde) in der Hinsicht die Obergrenze darstellt.



Insgesamt passieren so viele unterschiedliche Dinge auf "Mareridt", dass man leicht ein Song-für-Song-Review schreiben könnte, ohne sich allzu oft zu wiederholen.

Nicht alle Tracks halten dabei zwar das Niveau, welches am Anfang mit dem eher als Einleitung funktionierende Titelsong, dem brutalen "Måneblôt" und dem refrainstarken Darkrocker "The Serpent" vorgelegt werden, einen besonders auffälligen Ausschlag nach unten gibt es allerdings nicht. Am ehesten könnte ich noch auf das folkloristische Instrumental "Kætteren" verzichten, weil ich von dieser Art Pseudomittelaltermusik bis auf wenige Ausnahmen eigentlich schon seit Ewigkeiten gesättigt bin. Außerdem wirkt es mit dem das reguläre Album abschließenden "Børnehjem" ein bisschen wie zwei Outros hintereinander.

Die anderen Stücken, in denen Nyckelharpa-Fideleien und ähnliches vorkommen, sind mir da weit genehmer. Gerade
"Løven", einer der alles andere als von der Resterampe stammenden Bonustracks, klingt wie eine Lehrstunde für die viel zu vielen Mittelaltermetalgruppen, wie der Scheiß wirklich geht, ohne auf die Nerven zu gehen.

Analog zu der instrumentalen Vielfalt zeigt sich auch der Gesang facettenreicher als jemals zuvor.
Myrkur hat nicht eine Krächzstimme, eine laute und eine leise Singstimme, sondern viele Varianten von all dem zu bieten.
Dass erstmals auch auf englisch gesungen wird, verstärkt den Eindruck noch. In einigen ruhigen Stücken muss ich an eine Mischung aus Lana Del Rey und den düstersten Stücken von Tori Amos denken, anderswo meine ich mir einen Einfluss vom Landsmann King Diamond einzubilden.

Ein Nebeneffekt ist, dass man ohne Briefing die beiden Gastspiele von Chelsea Wolfe durchaus überhören könnte, da sich die Lieder "Funeral" und "Kvindelil" dem Hörer beide nicht mit dem Holzhammer als Duette präsentieren, sondern eher subtil daherkommen. Und da Amalie Bruun eh schon so ein Chamäleon ist, könnte man selbst Wolfes Ausnahmestimme ihr zuordnen.




Das Fazit kann nur sein, dass Myrkur viel gewagt und letztendlich einen ganz großen Wurf gelandet hat. Die Dame ist hier, um zu bleiben! Da müssen die kleinen Hassvideos youtubenden Babypandas leise in ihre Bettlaken heulen.

Die Produktion von "Mareridt" ist - wie von Randall Dunn zu erwarten - auch über jeden Zweifel erhaben. Dieses Album wird auch ohne die aufwertenden Extrastücke dieser Edition zurecht gegen Jahresende auf vielen Best-of-2017-Listen weit oben stehen. 


Highlights: Ulvinde, Crown, Måneblôt, Kvindelil, Funeral


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