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2017-08-01

PROPHECY FEST 2017 • TAG 1: Freitag, 28. Juli (mit SÓLSTAFIR, GLERAKUR, ARCTURUS u.a.)


Sólstafir

Während vor der Haustür (bzw. auf der angrenzenden Bundesstraße) wieder alles so tut, als wäre schon Wacken Open Air, setze ich angesichts der letzten Preissteigerung dieses Jahr mal aus und tippe stattdessen meinen Bericht über das vergangene Wochenende auf einem wesentlich kleineren Festival, ein knappes halbes Deutschland entfernt in der mir bisher nur fernbildlich von den berühmten Unplugged-Konzerten der Fantastischen Vier bekannten Balver Höhle.

Es war das dritte Mal, dass Prophecy Records ihr Hausfestival, das Prophecy Fest, in dieser "größten Kulturhöhle Europas" veranstalteten.

Nach lässiger Anreise (da man ja weniger denn je weiß, wie sehr einen Hamburg aufhält oder auch nicht, war ich sehr zeitig losgefahren) und Einchecken ins Luftkurorthotelzimmer mit Stauseeblick kam ich mehr als pünktlich am wenige Kilometer weiter gelegenen Ort des Geschehens an.

Draußen, wo direkt am Felsen geparkt und gecampt wurde, war herrliches Wetter, drinnen war es im Vergleich angenehm kühl, aber nicht zu kalt. Zum Festivalband gab es ein großenteils vom Künstler Irrwisch, der Motive für alle Shows gestaltet hat, geprägtes Programmbuch inklusive zwei Sampler-CDs mit allen auftretenden Bands, welches gleich den qualitativen und kreativen Anspruch des Festivals klarstellte. Sehr schön!


Programmbuch

Parkplatz
Auffahrt zur Höhle

Irrwisch Ausstellung

Höhlenbar

bunter Felsen I

bunter Felsen II

Ein/Ausgang


Die größte Stärke des Prophecy Fests, und somit auch ein ausschlaggebender Grund für meinen Besuch, ist natürlich fast zu offensichtlich, um ihn auszusprechen: Es findet in einer fucking Steinzeithöhle statt!

Eine Schwäche der Veranstaltung hingegen ist... naja, dass sie in einer Höhle stattfindet. Und damit meine ich nicht, dass einem, ein, zwei Mal am Tag plötzlich ein fetter Wassertropfen von der Decke ins Gesicht tropfen kann. Nein, das Problem ist natürlich der Raumklang, der zwar fantastisch ist, wenn es darum geht, langsame Musik mächtig und mystisch in Szene zu setzen, für schnelle präzise Metalarrangements mit seinem verwaschenden Charakter aber auch recht kontraproduktiv sein kann. In dem Sinne ist die Balver Höhle durchaus mit dem großen Zelt des Wacken Open Airs verwandt.
Dass am Freitag mehrere zwar gute, aber klanglich eben nicht so höhlengeeignete Gruppen spielten, trug dazu bei, dass ich eine Weile brauchte, um mit dem ganzen Ding richtig warm zu werden.

Das Billing machte jedoch sowohl diesen Mangel als auch die fürchterlichen Verzögerungen, die sich durch beide Tage ziehen sollten, wett.
Die meisten Gruppen waren mir bisher nicht bekannt, aber ein YouTube-Check vor einigen Wochen hatte ergeben, dass unter den fünfzehn sehr unterschiedlichen Acts nur drei waren, von denen ich dachte, dass sie für mich nicht zumindest interessant wären. Was eine ganz gute Quote ist, wie ich finde.
Nur eine jener Gruppen spielte heute. Doch zunächst begann das Festival auf sehr ungewöhnliche Weise mit einem Solokünstler.


Nhor
Nhor

Nhor führte seine Musik hier zum ersten Mal live auf. Mit dem Rücken zum Publikum am Klavier.

Neben ihm saß an einer schwarzen Leinwand eine Malerin und schuf parallel zur Musik eine nächtliche Berglandschaftsszenerie. Kitsch hin oder her - als jemand, den Pinsel stets als ihren Feind betrachtet haben, kann ich mich durchaus fasziniert an Bob Ross' "The Joy Of Painting" festkucken.
Diese Performance war im Grunde nichts anderes.

Natürlich war da die Musik. Doch so atmosphärisch passend diese auch sein mochte, waren mir die minimalistischen, meistens nur einen begrenzten Teil der Klaviatur ausnutzenden Kompositionen für diesen Rahmen dann doch eine Nummer zu intim und zerbrechlich. Das war eher eine Aufführung für ein konzentriertes, sitzendes Publikum in einer kleinen Location. Für diese Höhle, während viele Besucher erst in Entdeckerlaune reinkamen und entsprechend umherstreiften und quatschten, war die Nummer bei allem Respekt für den Mut zur Wahl dieses Openers dann vielleicht doch etwas zu künstlerisch ambitioniert.



Aber ok, mal was anderes - und das Bild wurde ja auch ganz schick.



Die Fields Of The Nephilim sind Gott, klar. Doch ansonsten haben es typische Gothic-Rock-Bands bei mir eher schwer. Emotional erreicht mich das Genre einfach selten.

Auf Soror Dolorosa, die nun auftraten, traf dies ebenso zu. Sie sind ganz und gar keine miese Band - ihr Song auf dem Festivalsampler ist auch nicht schlecht -, aber ich weiß einfach nicht, was mir die Musik sagen will. Von daher habe ich ihnen kaum Aufmerksamkeit geschenkt und die Zeit hauptsächlich genutzt, um mich in der langen Schlange vorm Merchandising zu unterhalten. Ein bisschen eingekauft habe ich auch. Vom relativ günstigen Festivalshirt hätte man ruhig auch ein paar 2XL-Exemplare herstellen können, aber Prophecy scheint diese Größe eh immer auszusparen. Immerhin fallen die Shirts dafür recht groß aus.



 Sun Of The Sleepless

Als nächstes waren Sun Of The Sleepless mit ihrem zweiten Konzert überhaupt an der Reihe. Das erste hatte 1999 stattgefunden. Ob die Musik nun wirklich so speziell ist, dass man sie per künstlicher Verknappung zum Stoff von Legenden hochjazzen kann, wage ich zwar zu bezweifeln, doch es war schon ein durchaus amtlich atmosphärisches Black Metal-Brett, welches da in die Grotte geblasen wurde. Alles richtig gemacht.



Arcturus

Puh, jetzt wurde es merkwürdig. Arcturus kamen in kauzigen Steampunkklamotten auf die Bühne und spielten die wohl frickeligste Musik des Festivals. Symphonischer Prog/Black/Advantgarde Metal mit mitunter schon beinahe albernem Falsettgesang. Starker Tobak, oft an der Grenze zu schlimm, aber nie darüber. Gesamturteil: sehr geil.
Jetzt müsste mir nur mal jemand erklären, warum neben dem mit Maske hinter seinem Riesenkit spielenden Drummer noch den ganzen Auftritt über ein zweiter Typ mit Maske herumlungert. Einfach nur spooky Publikumsverwirrung? Sicherlich bei dieser norwegischen (ja, woher auch sonst?) Gruppe nicht auszuschließen.

Schade nur, dass viele Feinheiten der Musik im Klangbrei untergegangen sind.


Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt sowieso schon leicht enttäuscht damit abgefunden, dass die Location zwar stimmungsvoll aussieht, aber vom Sound des Prophecy Fests anscheinend nicht allzu viel zu erwarten war.

Doch dann kam das isländische Headliner-Doppelpack aus GlerAkur und Sólstafir und belehrte mich eines besseren. Nun ging es nicht nur schrittweise soundtechnisch nach oben, sondern ich wurde auch erstmals komplett von der vielgerühmten speziellen Atmosphäre der Veranstaltung erfasst.


GlerAkur


GlerAkur verteilten sich in drei Reihen auf der Bühne: in der Mitte der Bassist, hinten zwei Schlagzeuger, vorne ganze vier Gitarristen.

Das sah nicht nur verdächtig nach Wall of Sound / Post Rock aus, sondern hörte sich auch danach an. Da ich mir kürzlich die "Can't You Wait"-EP aus dem letzten Jahr besorgt hatte, auf der im Prinzip auch jedes der drei Stücke aus einer Phase der Swans stammen könnte, war das für mich natürlich nicht überraschend.
Zwar enthielt das Set auch Ansätze von Ambient und ein paar eskapistische Mono-Höhenflüge, doch geprägt wurde die Performance vor allem von kolossalen, hypnotisch repetitiven Riffs und Rhythmen. Das erreicht zwar nicht die monolithische Qualität der genannten Gruppen oder auch die Brachialität von Cult Of Luna, doch da diese Messlatten ja gewaltig hoch hängen, reichte es für GlerAkur immer noch, sich darunter problemlos zu beeindruckend majestätischer Pracht aufzuplustern. Ganz groß!

Für den letzten Song kamen dann an Mikrofon und zweitem Bass Aðalbjörn Tryggvason und Svavar Austmann von Sólstafir mit auf die Bühne, und besonders der fette Rickenbacker-Bass sorgte dafür, dass es nun noch eine Ecke rummsiger wurde. An sich auch sehr cool, aber im Vergleich zum vorigen Set war das Stück allerdings ein nicht ganz passender Bruch in der Stimmung. Das roch so ein bisschen nach prolliger "Wir können auch richtig Metal!"-Botschaft.
In Anbetracht der gesamten großartigen Show war diese kleine Unstimmigkeit zum Glück zu vernachlässigen.



Sólstafir


Nein, ein Album von Sólstafir habe ich mir immer noch nicht gegönnt. Zuletzt hatte ich sie 2015 auf dem Roadburn Festival gesehen und war wie schon im Jahr 2012 sehr angetan. Hier in Balve funktionierte ihr... ja, was ist das eigentlich? ... Dark Post Rock'n'Roll mit epischem Pink Floyd-Einschlag sogar noch besser. Bei meinen vorigen Sólstafir-Shows hatte ich beide Male den Eindruck, dass es ein paar Durststrecken im Set gab. Hier jedoch nahm mich ihr cineastischer Sound die volle Spielzeit über mit.

Es war ja schon sehr spät, und in einer Pause wurde es nach dem Applaus ziemlich still in der Höhle, was dem Sänger gut passte, da er eine sehr ernste Ansage zum Song "Necrologue", der einem suizidal depressiven Freund der Band gewidmet ist, machte. Dass gerade in dem Moment Gelächter sich unterhaltender Besucher aus einer Ecke der Höhle kam, lies ihn dann ruppig (und ein bisschen unfair) werden. Unangenehmer Moment.
Die Darbietung des Songs danach war dann sehr speziell, denn die Bedeutung des Stücks für die Band war nicht zu überhören und führte zum ganz klar größten Gänsehautmoment des Abends.

Auch ansonsten waren Sólstafir einfach die perfekt eingespielten Superstars des Freitags und boten eine perfekte Show, besser als ich sie erwartet hatte.
Während des langen letzten Songs wurde zum Finale dann noch einmal das große Besteck aufgefahren, als sich mehrere Mitglieder von GlerAkur revanchierten, so dass erneut vier Gitarristen und zwei Basser die Bühne bevölkerten. Mächtig mächtig.



Es war wegen der Verzögerungen nun schon sehr spät bzw. früh, ich war nun seit etwa zwanzig Stunden wach, und draußen hatte es inzwischen zu regnen begonnen. Ich musste mich auf der für mich Flachländer sehr ungewohnten Serpentinenstrecke zum Hotel also verdammt konzentrieren.
Die Vorfreude auf den zweiten Festivaltag erleichterte diese Übung glücklicherweise erheblich.

Spoiler: Es wurde noch besser.


 


Sun Of The Sleepless:











Arcturus:
















GlerAkur:




















Sólstafir:
























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