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2017-09-11

ROCK SPEKTAKEL am Rathausmarkt Hamburg • 09. September 2017 (mit BLUES PILLS, THE VINTAGE CARAVAN, HORISONT u.a.)

Blues Pills


Dreißig Jahre Rock Spektakel direkt vor dem Hamburger Rathaus, und ich bin noch nie dort gewesen. Bei Betrachtung der Historie gibt es aber trotz freien Eintritts auch nur wenige Jahrgänge, für die ich im Nachhinein den Arsch hoch bekommen hätte. Das meiste war doch scheinbar eher radiofreundlicher oder hamburgerschuliger Kram, mit dem ich wenig anfangen kann, nur mit hier und dort ein paar einzelnen Ausnahmebands, allen voran Partytruppen (z.B. 2015 Hayseed Dixie) und natürlich 2011 ausgerechnet The whatthefucking Dillinger Escape Plan.

Dieses Jahr protzte der Freitagabend allerdings gleich mit drei Bands, die ich wirklich gerne sehen wollte. Der Wetterbericht prognostizierte auch, dass das elende Pisswetter des Tages bis dahin abgezogen sein sollte, also nichts wie hin!

Parkplatzsuche ist immer eine unbekannte Größe, genau wie (un-)mittelbare Verkehrsauswirkungen anderer Veranstaltungen (im Stadtpark spielte ja z.B. noch eine weitere Retro-Band vor achtzigtausend Fans, die bereit waren, sich auch bei Regengefahr das letzte Hemd ausziehen zu lassen). Deswegen und weil man ja eh nichts besseres vorhatte, waren wir schon ziemlich zeitig vor Ort und bekamen noch letzte Ausläufer des Nachmittags- und Frühabendprogramms mit.




An die erste Band nach meiner Ankunft kann ich mich nicht erinnern.

Ja, es waren irgendeine Form von bluesigem Rock, aber das war ja heute eh das Tagesthema, welches alle Gruppen irgendwie variierten. Die späteren Bands waren aber zu stark und mein Eindruck zu kurz, von daher kann ich nur mit den Achseln zucken und spare mir jetzt auch, den Namen der Gruppe, über die ich nichts sagen kann, nachzuschauen.


The Wake Woods


Als ich von einem Spaziergang zu meinem Auto zurückkehrte - eine angesichts des überraschend guten Wetters überflüssige Jacke und Mütze wollten weggebracht werden -, spielten bereits The Wake Woods.

Das musikalische Hauptthema des Tages nannte ich ja bereits. Bei der deutschen Band kam noch ein Schuss Indierock dazu. Das war alles handwerklich ordentlich gemacht, so dass man eigentlich nichts wirklich schlechtes über das Quartett sagen kann. So richtig notwendig ist die Gruppe allerdings auch nicht. Ich hatte bisweilen den Eindruck, dass es einen leichten Widerspruch zwischen dem Willen zur Coolheit und einem Songwriting, welches es möglichst vielen Hörern recht machen will, gab. Sprich: ein bisschen mehr anecken und wehtun darf Rockmusik schon gerne.

Die Hauptattraktion war zu diesem Zeitpunkt noch das Publikum. Und damit meine ich nicht die vom Shopping kommenden Gelegenheitskucker, die mit ihren Edelmarkenpapiertaschen vor der Bühne vorbeischauten, sondern vielmehr den offensichtlichen Tagesausflug des Rock-Seniorenheims, der mit weit ausladender Tanzbärigkeit den dort noch reichlich vorhandenen Platz beanspruchte und mit auf normalen Konzerten selten gesehenen Mom- und Dad-Moves für Erheiterung sorgte.

Und nicht, dass ich missverstanden werde: Ich fand's cool. Aber halt auch echt lustig.


Horisont

Zur Abenddämmerung um Viertel vor acht ging das Spektakel dann aber richtig los.

Die Schweden Horisont sind eine Band, der ich zwar schon eine Weile sozialmedial folge, allerdings ohne ein Album von ihnen zu besitzen oder sie schon einmal live gesehen zu haben. Immerhin wusste ich genug, um mich hierher locken zu lassen - und um ihren Bandnamen besser aussprechen zu können als der Ansager des Abends. Einfach so tun, als wäre das ein deutsches Wort, dann klappt das schon!

Optisch bewegen sich Horisont in ihren engjeansigen Oberlippenbärtigkeit ja schon nahe an der Grenze zur Comedy (oder zumindest zu einer emmy-verdächtigen 70er-Jahre-HBO-Serie), doch musikalisch ist ihr Zeitreisehardrock schwer angreifbar. Insbesondere wenn Powersirengesang, analoge Keyboards, Früh-Heavy-Metal-Gitarrenharmonien und ausladene Soli den Geist der epischsten Schattierung von Deep Purple heraufbeschwörten, war diese Show einfach nur mächtig hochenergetischer Rock at its finest.

Hätte ich je ernsthafte Bedenken gehabt, mir nicht doch noch spontan das Siebenhundertneunundneunzig-Euro-Luxusticket für die Rolling Stones besorgt zu haben (war das inklusive Pauschalurlaub und einer Flasche von der Band benutzten Whirlpoolwassers?) - spätestens jetzt wären sie verflogen gewesen.

Tolle Band!


The Vintage Caravan



Die Isländer The Vintage Caravan sah ich nun bereits zum vierten Mal und dies war wohl der erste Auftritt bei dem sie für mich ein bisschen weniger zündeten als bei vorigen Shows (Wacken 2016 und als Support von Avatarium 2015).

Die Betonung liegt auf "ein bisschen", denn der ranzbassig groovende Sound von ÓscarAlexanderStefán wusste durchaus ein Feuerwerk bis zur Binnenalster zu entzünden. Die größten Finishing Moves des Powertrios sind wohl neben ihrer Bewegungsfreude das fließende Hinübergleiten von Cream-auf-Steroiden-Riffs in entspannt angespacete Gitarrentrips, sowie eloquent nachdenkliche Ansagen ("Are you feeling muscular?").

Dass ich sie diesmal nicht ganz so stark wie gewohnt fand, könnte zum einen daran liegen, dass die Band gerade aus dem Studio gekommen war und noch nicht ganz hundertprozentig in den Livemodus umgeschaltet hatte. Irgendwie schienen sie mir nicht ganz so tief drinnen in ihrem Ding wie gewohnt. Zum anderen war gerade im Vergleich zu Horisont und den folgenden Blues Pills zu erkennen, dass die Band zwar saugut live performt, aber im Songwriting immer noch Luft nach oben hat. Dies bestätigten auch zwei brandneue Stücke, die dem Repertoire nichts wesentlich neues hinzufügten.

Heißt: live gebe ich mir The Vintage Caravan gerne immer wieder, aber eine komplette Diskographie brauche ich wohl so schnell nicht im Plattenschrank.



Blues Pills


Auch die Headliner des Abends sah ich nun zum vierten Mal. Die erste Show (und gleichzeitig ihr letzter Tourstopp in Hamburg) fand 2014 im Uebel & Gefährlich statt, ebenfalls zusammen mit The Vintage Caravan übrigens. Da die Band sich 2018 nach Jahren des Dauertourens wohl außerhalb Schwedens rar machen wird, schloss sich mit diesem letzten Auftritt der Blues Pills in Deutschland für längere Zeit also so ein bisschen ein Kreis.

Dass die Blues Pills kamen, sahen und begeisterten war natürlich keine Überraschung. Auch die Setlist war bekannt, war sie doch nur eine etwas kürzere Variante des Programms, welches ich Anfang Juli in Kiel gesehen hatte. Und so könnte ich im Grunde auch fast alles, was ich zu jenem Konzert geschrieben habe hier wiederholen.

Macht ja auch nichts. Alleine die jedes Mal etwas anderen Jamlaunen Dorian Sorriaux' und das stets strahlende Sahnehüpfhäubchen Elin Larsson machen Blues Pills zu einer Gruppe, die man sich ganz problemlos immer wieder anschauen kann. Einfach eine nahezu perfekte Heirat aus Talent, Gespür, Momentum und Bandchemie.

Meckern geht hier nur auf mikroskopischer Detailebene. So sind die Eigenkompositionen der Band für mich stark genug, dass statt "Elements And Things" und "Somebody To Love" auch ein Coversong pro Set ausreichen würde.

Für alles andere kann die Band nichts:

Vielleicht bilde ich es mir ein, aber die Lautstärke wurde um diese Uhrzeit wohl etwas runtergeschraubt, was ein wenig den Wumms rausnahm, aber natürlich mitten in der Stadt nachvollziehbar ist.

Und dann war da natürlich noch die eine Sache, die mich den ganzen Abend genervt hat, nämlich dass ich beim Knipsen ständig die selbe Securityfresse am Bühnenrand im Bild hatte, haha. Da musste ich echt vieles beschneiden.

Nein, im Ernst: Eigentlich ist die einzig gültige Kritik, dass um Mitternacht Schicht sein musste, denn dass ein Blues Pills-Konzert zu lang sein könnte, das liegt nach wie vor noch jenseits meiner Vorstellungskraft.



Insgesamt war dieser Rock Spektakel-Abend rundum gelungen: Bandauswahl, Kulisse - und dann auch noch alles für lau. Was will man mehr?

Horisont haben mich am meisten umgehauen und vielleicht auch innerhalb ihrer Möglichkeiten am meisten aus der Gelegenheit gemacht. Den Tagessieg haben für mich dennoch knapp die Blues Pills errungen, schon weil ich mit ihrem Material am vertrautesten bin.


Zukünftig werde ich mich jedenfalls auf dem Laufenden halten, was das Spektakel angeht. Sollte zum einunddreißigsten Jahrgang erneut ein derart starkes Paket aufgefahren werden, schaue ich gerne wieder vorbei!



Horisont:















The Vintage Caravan:













Blues Pills:




























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