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2017-11-19

#LBS 46|52 - energy landscape


While shooting with your Lensbaby don't look directly into the sun! Following this simple guideline will improve your results immediately. Thanks for your attention!



INTO THE SKY - Before The Storm

Kosmic Noise Records? Ein Sieben-Zoll-Karton? Wann habe ich das denn bestellt?

Ach, gar nicht. Ab und zu reagiert die Außenwelt auch mal auf mein Bloggefasel.

Ich bin ja nicht der Oberexperte der Musik-Promoszene, doch eine Single (von hundert handnummerierten Exemplaren) plus Download als Rezensionsmaterial zu verschicken, kommt mir jetzt nicht so ganz alltäglich vor. Auf jeden Fall hofft man sofort, dass die Musik darauf keine Grütze ist. In dem Fall würde ich nämlich statt einem Verriss wahrscheinlich lieber gar nichts schreiben und käme mir auch dabei irgendwie noch etwas schäbig vor.

So begeistern, dass sich diese Kritik wie erkauft liest, können mich die Münsteraner Into The Sky hier allerdings auch nicht. Zu meinem Glück wahrscheinlich. Integrität erfolgreich gewahrt und so.





INTO THE SKY - Before The Storm (white vinyl 7") (2017)

Die Band bezeichnet ihren Stil als Ambient-Rock, ich würde die beiden viereinhalbminütigen Instrumentalstücke "The Storm" und "Before" eher als sehr popaffinen Postrock beschreiben.
Die Instrumente sind Bass, Gitarre, Drums, dazu Synthies und ein bisschen Elektrobeats, das alles mit ziemlich positiven, leicht kitschigen Vibes, was gut gemacht ja auch durchaus mal sein darf. Der Ansatz erinnert ein bisschen an Maybeshewill

Das dürfte von mir aus schon gerne etwas weniger harmlos sein, da manche Passagen schon nach Backingtrack einer Achtziger-Jahre-Poprockschnulze klingen. Also manche, nicht alle. Und weil das alles solide bis ziemlich gut gemacht ist, bleibt es vertretbar. Auf die Achtziger komme ich vielleicht auch wegen der Coverästhetik.
Nein, das einzige, was musikalisch ernsthaft stört, ist dass beide Stücke ziemlich unvermittelt und unbefriedigend enden.

Das mag damit zu tun haben, dass die Gruppe eigentlich eher lang ausufernde Kompositionen spielt, in denen dann vermutlich auch der Ambient-Anteil eher spürbar wird.

Und eben das bringt mich zu meinem Problem mit dieser Veröffentlichung: Warum seine Musik mit einer Single promoten, auf der sich die Band ihre vermeintlich größte Stärke nicht ausspielen und sich somit gar nicht wirklich als sie selbst präsentieren kann?

Wer ist hier die Zielgruppe? Es bleibt der Eindruck eines Teasers, der zwar sehr nett zwischendurch mal zu hören ist, aber doch noch nicht ernsthaft brennend heiß darauf macht, mehr von der Gruppe zu hören.

Von daher wäre eine EP mit zumindest einem Longtrack wahrscheinlich sinnvoller gewesen. Auch, wenn die dann vermutlich nicht als Vinyl-Promo in meiner Post gelandet wäre.


Highlights: Before, The Storm


2017-11-17

STROBE - Bunker Sessions

Nur ausgerüstet mit dem Namen der Band und dem Albumtitel habe ich neulich auf einer abendlichen Autobahnfahrt zum ersten Mal folgender aktueller Veröffentlichung aus dem Hause Sulatron Records gelauscht:


STROBE - Bunker Sessions (1994/2017)

Das Album beginnt mit einem zehnminütigen, über einem stoisch repetiven Basslauf langsam groovenden Instrumentaljam, der sofort bestätigt, dass dieses Album auf dem richtigen Label erschienen ist.
Denn "Sun Birth" klingt schon sehr verwandt mit Electric Moon, allerdings - zumindest in den ersten drei Vierteln des Stücks - eher in einer etwas geerdeteren (statt kosmischen) Variante. Ist ja auch logisch, wenn das hier offenbar in einem Bunker eingespielt wurde. Bei ein paar Gitarrenlicks muss ich ganz leicht an Fields Of The Nephilim denken.

Bei Track 2 muss ich dann plötzlich noch viel mehr an ganz frühe Fields denken. Und mehr noch an Joy Division und ihre ähnlichen, mir als Nichtauskenner unbekannten Zeitgenossen. Aber zunächst einmal habe ich ganz ehrlich überprüft, ob mein Player nicht auf Zufallswiedergabe gestellt war, so deutlich anders als der Opener klingt das dreiminütige "Into Your Skin" mit seinem Depripunkgesang.

Ok, was nun? You have my attention. Dazwischen ist schließlich eine Menge möglich. Und es kommt auch einiges. Die nächsten vier Stücke sind zwischen fünf und acht Minuten lang. Es wird also wieder etwas großflächiger, bleibt jetzt allerdings klar erkennbar im Achtziger-Jahre-Postpunk verwurzelt. Das verbindene Element zwischen allen Stücken ist vor allem das Gitarrenspiel mit zwei (oder sogar drei?) Sechssaitern, die fast ständig melancholisch melodisch umeinander flirren und dabei ganz klar die Rechtfertigung sind, diese Scheibe auf einem Psychedelic-Label rauszubringen.

"Obsession" und "Chameleon Earth" folgen beide dieser spacenden Gothicrock-Linie und ließen mich beim Ersthören gerade glauben, dass diese Richtung  wohl der eigentliche, zentrale Stil von Strobe sei, als  mit dem fünften Stück "Opium Dreams" noch eine Überraschung ausgepackt wurde.

Offenbar war nämlich auch eine Sängerin im Bunker eingesperrt gewesen, welche ihre Stimme zum Titel passend über das wieder zur vollpsychedelischen Form zurückgekehrte Instrumentarium schweben lässt. So unterschiedliche Vergleiche wie Causa Sui und das Debüt der cynic-beeinflussten Progmetaller Aghora kommen mir in den Sinn.

"Sun Death" schließt am Ende den Kreis. Rein instrumental, zwar rhythmisch nach wie vor kontrolliert, aber doch mit den krachigsten Elementen des Albums, verabschiedet sich ein insgesamt in seinem Mix etwas eigenartiges, aber durchaus stimmiges Werk.
Mein Urteil zu Strobes "Bunker Sessions" lautet also: kurzweilig, lässig düster und leicht anarchisch, sehr atmosphärisch und doch sehr direkt. Coole Mucke.


Und jetzt, nachdem ich bis hierhin getippt habe, werfe ich mal meinen ersten Blick in die Bandinfo.


Ok... britsche Band, jup, das hört man. Es sind tatsächlich drei Gitarren und alles wurde live eingespielt. Vor langer Zeit, aber nicht in den frühen Achtzigern. Nein, das Ding schlummert - warum auch immer - seit 1994 unveröffentlicht herum. Das Info sagt, die Musik könnte auch genauso gut von heute sein, zeitlos und so. Dem kann ich zustimmen. Passt sicherlich auch in viele moderne Indie- und Postrock-Sammlungen hinein.

Die "Bunker Sessions" sind sowohl auf CD, als auch limitiert auf blauem Vinyl erhältlich.

Highlights: Obsession, Sun Birth, Opium Dreams


2017-11-16

BELL WITCH - Mirror Reaper

Eines der gewaltigsten Alben dieses Jahres ist für mich nach wie vor "Horizonless" von den Funeral Doomern Loss. Ein Jahr nach dem Tod des Ex-Bell Witch-Schlagzeugers Adrian Guerra hatten sie es jenem gewidmet. "Und wohl selten", habe ich im Juli festgestellt, "war diese Geste würdiger und musikalisch gerechtfertigter."

Diese Aussage gilt nach wie vor, auch wenn ich damals noch nicht wusste, dass Bell Witch ebenfalls noch ein neues Album herausbringen würden, welches auch bereits vor Guerras Tod in Entstehung war und von dem Verlust entscheidend beeinflusst und geprägt wurde.

Selbstverständlich - und zum Glück - ist die Ehrung eines Verstorbenen ja kein Bandwettbewerb, was Musik im Übrigen ohnehin nie sein sollte. Dennoch würde ich zumindest das Fazit meines Loss-Reviews - "Mehr Doom als Loss geht nicht." - so nun nicht mehr stehen lassen.

Denn... Doch! Jetzt gibt es "Mirror Reaper", bestehend aus einem einzigen, gleichnamigen Song, dessen Länge von über 83 Minuten allein schon einen Eintrag ins Buch der Doom-Rekorde sichert.





BELL WITCH - Mirror Reaper (transparent blue vinyl with black haze 2LP) (2017)

Die schiere Größe, welche selbst die CD-Version dieses einen Liedes zu einem Doppelalbum macht, ist auch der Grund dafür, dass ich mit dieser Rezension relativ spät dran bin, obwohl Bell Witch - spätestens seitdem ich "Four Phantoms" zu meinem Album des Jahres 2015 gekürt habe - bei mir höchste Priorität genießen.
Diese Zeit, um sich vollends ohne Ablenkung oder Unterbrechung auf ein Stück Musik einzulassen, hat man einfach selten. Auch meine gewöhnlichen Autofahrten sind dafür zu kurz.

Ok, wir müssen natürlich zunächst einmal die Frage klären, ob es sich hier wirklich um eine Komposition, oder eher um einen Deklarierungstrick handelt. Auch wenn ich es hoch schätze, ist z.B. "The Whirlwind" von Transatlantic ja so ein Fall, in dem die einzelnen Stücke eines Konzeptalbums einfach zu Teilen eines Riesensongs erklärt wurden.

Durch die physikalische Aufteilung wird "Mirror Reaper" auf CD und LP in zwei Hälften bzw. vier Viertel gespalten, die auch einen klar unterscheidbaren Charakter haben. Kann ich sie aber einzeln hören, ohne dass mir vorne oder hinten etwas fehlt? Für mich hängt dies alles zweifellos so dicht zusammen, dass ich es erstaunlicherweise wirklich als ein einziges Stück empfinde.
Da liegt mein Rekord bisher bei den fünfzig Minuten von Jesus "Infinity". (Sorry, liebe Stonerdoomer, aber mit dem drei LP-Seiten langen für viele von euch heiligen Gral "Dopesmoker" von Sleep bin ich bislang nicht warm geworden.)

So, nachdem dies geklärt ist, fange ich nochmal von vorne bzw. von außen an:

Schon das doppelseitige Cover von Mariusz Lewandowski, in seiner epochalen Gewaltigkeit auf einer Stufe mit dem des aktuellen Werks von - Überraschung - Loss, verspricht ein außergewöhnliches Album. Und es verwirrt beim erstmaligen Auspacken, da es sich nicht nur genauso auch nochmal auf der Innenseite befindet, sondern vor allem, weil die Gatefold-Hülle sich links statt rechts öffnet.

Spiegel-Konzept eben. Dazu liegt ein Sheet mit Texten und Credits bei. Die von mir gewählte Farbvariante gehört eher zu den unauffälligeren, sieht allerdings schick aus. Trotzdem hätte ich wohl lieber auf schwarz setzen sollen, denn leider sind die Platten ziemlich geräuschintensiv. Ausgerechnet die Seite mit den ruhigsten Passagen ist bei mir ein hemmungsloses Knacks- und Knisterfest.
Da höre ich schon fast lieber die als Downloadkarte beiliegende Digitalversion.





Diese individuelle Schwäche meines Exemplars ist aber das einzig Negative, was ich an dem Album finden kann, hat das Duo aus Bassist Dylan Desmond und dem vorher ausgerechnet im Grindcore beheimateten Neu-Drummer Jesse Shreibman hier doch ein überlebensgroßes Meisterwerk geschaffen.

Die meisten Zutaten sind von den Vorgängeralben bekannt: eine erstaunlich präzise umgesetzte, mehr als geduldige Langsamkeit. Kompositionen, die sich in eher der Klassik als der Rockmusik entlehnten Bewegungen entfalten, getragen von einem Bass, der schon alleine eine komplette Band ersetzt. (Und manchmal kann er auch minutenlang alleine spielen, bevor sich das Duo gemeinsam zu orchestral krachender Doomgewalt aufschwingt.)
Dass Niveau der Arrangements sowie der Ton dieses Bassspiels machen Desmond in meinen Ohren zum legitimen musikalischen Haupterben Cliff Burtons.

Eine musikalische Neuerung ist die von Shreibman bediente Hammond-Orgel. Selbst in ihrem Solo-Spot ist diese nie aufdringlich, sondern beschränkt sich darauf, der schweren Traueratmosphäre noch mehr Tiefe als ohnehin schon vorhanden zu geben.
Außerdem ist sie ein weiterer von vielen oft kleinen Elementen, die dafür sorgen, dass es hier trotz des durchgehend fest auf die Bremse tretenden Tempos immer interessant bleibt.

Ein ganz wichtiger Baustein in Bezug auf Spannung und Abwechslungsreichtum ist der Gesang, den sich - obwohl Bell Witch doch ein Duo sind - gleich vier Personen teilen:


Shreibman hat das gutturale Gruftgegrunze sowie die gelegentlichen Black-Metal-Faucher seines Vorgängers übernommen, während Desmond den ebenfalls mit Tonnen von Reverb unterlegten Kathedralengesang beisteuert.
Beiden kann man wie gehabt selbst mit Textblatt als Nichtmuttersprachler wieder kaum bis gar nicht folgen. Aber was soll's, wenn es doch so überzeugend klingt?


Ebenso vertraut ist, dass im späteren Verlauf des Albums Gastsänger Erik Moggridge seine sensible, dramatische Stimme beisteuert und dabei stark an Patrick Walker (Warning/40 Watt Sun) erinnert.
Der Aerial Ruin-Sänger hat in der großenteils von ihm dominierten letzten halben Stunde des Songs auch den mit Abstand meisten Text. Etwa von Minute fünfzig bis sechzig wird "Mirror Reaper" so zu seiner stillen Sternstunde.

Wie immer - aber durch das persönliche Schicksal diesmal mit noch größerem emotionalen Gewicht - erzählen Bell Witch eine Geistergeschichte. Das Album beschreibt den Moment des Übergangs vom Reich der Lebenden in das der Toten. Und genau am Wendepunkt, als der entscheidende Schritt vollzogen wird, meldet sich tatsächlich ein Geist zu Wort:
"The Words Of The Dead", wie die Credits sie nennen, sind unbenutzte Gesänge Adrian Guerras aus den "Four Phantoms"-Sessions.
Sehr morbide, aber sehr effektiv. Und ganz sicher in seinem Sinne.


"Mirror Reaper" ist eine gigantische musikalische Trauerbewältigung, eine Komposition, der es schon vor dem ersten Gesangseinsatz gelingt, einem das normale Zeitempfinden zu nehmen. Lässt man sich darauf ein, gibt es dieses Jahr wohl kein anderes Werk, welches einen nach Verklingen der letzten, erstaunlich hellen und hoffnungsvollen Note so sehr belohnt wie dieses.
Das Album ist ein Epitom des Subgenres Funeral Doom, strahlt in seinem künstlerischen Anspruch aber weit darüber hinaus.

Bell Witch haben sich und Adrian Guerra hier nach der gewaltigen Messlatte, die sie sich selbt gelegt haben, tatsächlich ein Denkmal in der Rockmusikgeschichte geschaffen.



Natürlich ist dies davon unberührt immer noch tiefste Randgruppenmusik, Spezialfutter, welches von massenrezensierenden Printmagazinschreibern vermutlich reihenweise mit tumben Banausenfüßen getreten wird.

Und auch wer nicht so doom bzw- funeral-doom-erfahren ist und sich mit Bell Witch langsam (wie sonst?) bekanntmachen möchte, ist wohl besser beraten, sich in der Reihenfolge der Diskographie (also erst einmal "Longing" und "Four Phantoms") diesem Koloss anzunähern.

Er läuft ja nicht weg.


Bell Witch plus Erik Moggridge spielen das Ding übrigens komplett auf dem nächsten Roadburn Festival. Ich glaube, da muss man sich besser sehr früh in die Schlange vorm Patronaat stellen.
  


Highlight: Mirror Reaper



2017-11-15

KAMASI WASHINGTON - Harmony Of Difference

Es gibt neues von Kamasi Washington, und zwar... ja, was denn? Ein gewisser Onlinehändler bietet "Harmony Of Difference" als Vinyl-Single an, doch bei sechs Tracks und einer Spielzeit über einer halben Stunde ist es realistisch natürlich eine EP.

Dennoch hat das kleine a nicht ganz Unrecht, dann nämlich, wenn man die Platte ins Verhältnis zum dreistündigen Debütalbum "The Epic" setzt. Und auch vom Konzept her kann man hier beinahe von einer Single sprechen.



KAMASI WASHINGTON - Harmony Of Difference (12") (2017)

Den konzeptionellen Überbau von "Harmony Of Difference", zu dem neben der Musik noch eine Gemäldereihe von Kamasis Schwester Amani Washington, sowie ein Film gehören, kann und will ich hier jetzt nicht komplett sezieren. Letztendlich läuft es auch auf eine einfache, universelle Botschaft des Zusammenbringens und - lebens hinaus.

"Harmony Of Difference" ist eine Übung in der Verbindung von Unterschieden, Gegensätzen, musikalisch vertreten durch Kontrapunkte.

Auf Seite A befinden sich die fünf kurzen Stücke "Desire", "Humility", "Knowledge", "Perspective" und "Integrity". Seite B fügt diese fünf unterschiedlichen Einzelteile dann im dreizehneinhalbminütigen "Truth" zu einem großen, alles verbindenden und instrumental noch dicker auftischenden Ganzen zusammen.

Dieses Prinzip spiegelt sich auch in dem auf dem Cover, sowie in Farbe in einem kleinen Booklet präsentierten Gemälden wieder, welche jeweils einen Song repräsentieren und gemeinsam ein abstraktes menschliches Gesicht ergeben.
 




Stilistisch fährt Kamasi Washington den Weg von "The Epic" konsequent fort. Die funkigeren, modernen Ausflüge bleiben also zunächst weiter den Liveshows bzw. seinen Kooperationen mit anderen Künstlern vorbehalten.

Hier herrscht stattdessen großformatiger Spiritual Jazz in der Tradition Pharoah Sanders und der Coltranes, angetrieben wie gewohnt vom Kontrabass Brandon Colemans und gleich zwei Drummern, Tony Austin und Ronald Bruner Jr. - überhaupt ist die ganze Gang aus Kindheits- und Jugendfreunden (u.a. Ryan Porter an der Posaune und Brandon Coleman an den Keyboards) wieder  mit dabei, was natürlich dazu beiträgt, dass nicht nur das reine Zusammenspiel, sondern auch die darüber hinaus spürbare Chemie die Performance bemerkenswert machen.

Und auch wenn keine der A-Seiten-Kompositionen ein Füller ist; natürlich ist "Truth" der Star und Höhepunkt der Platte. Hier packt Washington die volle Maximalistenkeule aus und die mit bis dahin acht Personen eh schon stattliche Besetzung nimmt orchestrale Ausmaße an.

Neben Vibrafon, Alt-Saxophon und Gitarre geben sich auch der unverwechselbar blubbernde Bass von Thundercat und Kamasis Vater Ricky Washington an der Flöte die Ehre.
Und weil viel noch lange nicht genug ist, dürfen natürlich auch das Streicherensemble, sowie der Chor inklusive Patrice Quinn nicht fehlen.

Kamasi Washington live 2016
Für jenen, der bis hierhin gelesen hat und keine Ahnung hat, wer Kamasi Washington überhaupt ist, muss ich natürlich noch erwähnen, dass er Tenor-Saxophon spielt. Während er sich meistens damit zufrieden gibt, mit dem Gesamtbild zu verschmelzen, sind seine Soli mit ihrem rauen, oft beinahe (aber nur beinahe) zu abenteuerlichen Ton das spirituelle Herz der Stücke. Gerade in seinem Willen, dem Instrument Klänge abzukämpfen, für die es offensichtlich nicht gebaut wurde, ist und bleibt er ein Musterschüler John Coltranes.

Das alles ergibt ein gleichzeitig harmonisch in sich ruhendes, aber auch wild treibendes, tiefe Freude an der Musik und am Dasein überhaupt ausstrahlendes Stück Jazz vom Feinsten. Zutiefst traditionell, aber dafür umso frischer und energiegeladener präsentiert. Und vielleicht sogar Washingtons bislang vollkommenste Schöpfung. Darauf möchte ich mich aber nicht festlegen.


Als i-Tüpfelchen von "Harmony Of Difference" ist jedenfalls festzuhalten, dass die Produktion sich im Vergleich zum auf Dauer doch etwas zu dumpfen "The Epic" verbessert hat. Gerade auch im Vollwaschgang mit komplettem Chor- und Streichergeschirr fließt hier alles noch besser zusammen. Man darf natürlich annehmen, dass die Kürze des Projekts hier evtl. bei der Fokussierung im Mix geholfen hat.

Wie auch immer, das Resultat ist fantastisch und bekräftigt die Position von Kamasi Washington als Fackelträger des Jazz, der ihn wieder vor ein größeres Publikum führt.



Und zu dem günstigen Preis kann (und sollte) man an dieser EP ohnehin nicht vorbeilaufen.


Highlights: Truth, Integrity, Humility



2017-11-12

DRUTURUM - Druturum II: This Gloom Is All Ours



Eine Woche nach unserem zweiten Konzert mit DruturuM sind nun alle verfügbaren Audio-, Foto- und Videoaufnahmen ausgewertet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden.
Es ist also Zeit für mich, ein letztes Resümee zu ziehen und den Zyklus "Druturum II: This Gloom Is All Ours" damit zu schließen.

Wir gönnen uns nun noch ein paar Tage Pause, ehe wir unseren Proberaum wieder betriebsfertig machen und den kreativen Prozess für "Druturum III" (und voraussichtlich auch schon "Druturum IV") in Gang setzen. Wir arbeiten auch schon am Ort und Termin dafür. Die Pause soll diesmal kürzer sein und wir werden zur Abwechslung auch mal eine andere Bühne als die des Rock's in Windbergen unsicher machen.


Zunächst einmal muss ich natürlich den Elefanten im Raum ansprechen: Ja, das Bild da oben lügt nicht, Birger und ich haben "Druturum II" zu zweit gespielt.
Haben wir uns mit Sönke gezofft? Nein, unser dritte Mann hatte einfach diesen Sommer zu wenig Zeit zum Proben. Und was bedeutet dies für die Zukunft? Spielen DruturuM jetzt immer zu zweit? Nein, ich hoffe nicht. Es ist aber ok, wenn es uns in beiden Konstellationen zu sehen gibt. Halt immer so, wie es gerade passt. Das Schöne an unserem Konzept ist ja, dass es uns in dieser Hinsicht flexibel macht.

Zum Auftritt als Duo passte auf jeden Fall auch mein für diesen Auftritt neu zusammengestelltes, reduzierteres Schlagzeug, welches (inklusive Bassdrum!) ausschließlich mit den Armen gespielt wurde und mit Elementen wie Schrott- und Billigbecken oder einem zweckentfremdeten Plattenteller unseren experimentellen Charakter ganz klar noch deutlicher herausstellte als mein normales Setup.

Nächstes Mal variiere ich dann wieder. So lernt man auch immer ein bisschen dazu.


Eject Noise Fix
Hilfreich war die Zweierbesetzung auf jeden Fall nach dem Soundcheck in Meldorf, als wir beim Italiener tatsächlich mit zwei Bands an einem Vierer-Tisch sitzen konnten, da unsere Gäste Eject Noise Fix ja auch als Duo unterwegs sind.
Eher nachteilig war es hingegen, als wir nach Windbergen zurückkehrten und nur sehr langsam und spärlich Besucher eintrudelten. (Ein kurzfristig angekündigtes, zeitgleiches Konzert von fünf Bands in Heide war nicht gerade hilfreich.)
Da so wenige Musiker und Entourage anwesend waren, hatten wir auch keine Lust, eine Kasse zu eröffnen - stattdessen ging Birgers Trademark-Hut um -, sondern eher das Gefühl, im Publikumsraum gebraucht zu werden, da jeder Zuschauer zählte, als Eject Noise Fix vor dünner Kulisse ihren Irrsinn in die Bude bliesen.

Erst als sie schon beim vorletzten Stück waren, füllte sich der Raum endlich soweit, dass man zumindest das Gefühl hatte, dass nicht nur ein paar Leute, sondern schon ein Publikum anwesend war. Kevin und Roman nahmen's jedenfalls gelassen und lieferten unbeeindruckt ab.


Dadurch, dass wir beide Drumkits auf die kleine Bühne gequetscht und schon alles so gut wie spielfertig hatten, konnten wir unser Programm nach einer sehr kurzen Pause beginnen.
Etwas zu kurz vielleicht, denn die Einlage, dass unsere Fotografin im letzten Teil unseres zwanzigminütigen Openers "druturum II-I" eine afrikanische Trommel von hinten holen musste, war so nicht geplant, ebenso wie die nicht ganz saubere Gitarrenstimmung, die sich in "druturum II-II" bemerkbar machte. In dem Song haben wir angefangen mit dem nicht ganz getroffenen Tempo eh am meisten gemurkst. Aber mit diesen Fehlern müssen (und können) wir leben.
Als Entschädigung improvisierten wir dafür nach dem Funeral-Doom-Sechzehnminüter "druturum II-III", in dem erstmals Gesang bei DruturuM einkehrte, noch eine Zugabe in einem leicht dronigen, so von uns noch nie gejammten Stil, deren Gelingen uns genau wie ihre Seltsamkeit selbst ein bisschen überrascht hat. Betitelt wurde dieses Stück anschließend logischerweise "druturum II-IV".


Unmittelbar nach dem Auftritt reihten sich dann mehrere kleine Ärgernisse hintereinander, welche die Freude über den gelungenen Auftritt ein wenig trübten: 1. Der an unserem Powermischer hängende Minidisc-Recorder hatte anscheinend nur kurze Leertracks aufgenommen. 2. Ich hatte unsere Videokamera leider schon vor der Zugabe ausgeschaltet. 3. Anscheinend war jemand gegen unser Raummikrofon gestoßen und hatte es Richtung Tresen ausgerichtet. Super.

Mitten in der Nacht zu Hause angekommen war die Freude dann umso größer, als sich Punkt 2 und 3 als unbegründete Sorgen herausstellten. Ich war nämlich zu doof gewesen, die Videoaufnahme zu stoppen. Und die Drehung des anderen Mikrofons hatte wohl erst nach der Show stattgefunden.

Wir haben also Videoaufnahmen von allen vier Stücken des über einstündigen Sets, nachzuschauen auf der DruturuM-Homepage oder direkt in unserer Youtube-Playlist:





Der Ton auf den Videos stammt direkt aus der (wahrscheinlich bereits antiken) Medion-Fotokamera.

Für die Audioversionen der Stücke auf Bandcamp haben wir aber auch noch unser Raummikrofon ins Spiel gebracht. Und seit gestern Abend sind neue Mixe online, die auch die Minidisc-Aufnahmen enthalten, da wir natürlich Donnerstag vorm Papir-Konzert in Hamburg noch gemerkt hatten, dass wir uns auch hier geirrt hatten und doch noch komplett verwertbares Material aufgenommen hatten.

Unendlich High End ist das alles dadurch zwar nach wie vor nicht, aber gerade angesichts der zwischendurch so rapide gesunkenen Erwartungen sind wir mit der Hörbarkeit des Resultats echt zufrieden.

Nachzuhören ist alles auf Bandcamp, wo es neben den Livetracks für Nerds auch noch die Generalprobe (mit noch schlimmeren Schnitzern, haha) zu hören gibt:





Wem das alles noch nicht genügend Vollbedienung ist, der darf sich natürlich auch noch unsere erweiterte Fotogalerie anschauen!








Noch mehr DruturuM gibt es dann nächstes Jahr bei "Druturum III".

Ich sag bescheid. Bis dann!





#LBS 45|52 - tuesday morning



Because we all know that Monday or Friday mornings never fucking look like this. Period.



RADAR MEN FROM THE MOON - Fuzz Club Session

Clubs are often for the initiated. When you're in the club, you're in the know.

So when the Fuzz Club puts out a "session" EP, it doesn't need to fish you with a fancy cover artwork.

Hell, it doesn't even need to give you the full name of the artist anywhere. Because when you're in the club, you fucking know that RMFTM doesn't stand for Rage Mfagainst The Machine, but for the dutch human psych-o-mat Radar Men From The Moon.




RADAR MEN FROM THE MOON - Fuzz Club Session (LP) (2017)

While the simple black cover lacks any information about the band, it is all the more fastidious in detail aspects of the recording process. With data down to the type of the used analog tape machine, tape and reel number, this looks like something you pull out of the file cabinet in some huge sound archive.

Only the inner sleeve which shows to black and white detail shots from within the studio leans to common record artwork aesthetics.



So what's the fuzz all about?

If you haven't guessed it by now: The Fuzz Club Sessions is a series where the label invites bands into a studio and records a live session. Simple as that.

And in this case: also clearly great as that. As I had witnessed at Roadburn this year the Radar Men From The Moon are a brilliant live band. And their hypnotic robotnik space jams also work fabulously without an audience.

Powered by relentless grooves, which almost feel industrial at times (man, that drummer was born on some bad-ass assembly line!), this is 35 minutes of excellent instrumental psych with dark dystopian overtones.

Or in other words: nothing not to love here! I feel like I'm in the club now.





Highlights: Translucent Concrete, Neon



ULVER - Sic Transit Gloria Mundi ep

Huch. So ganz unvermitteln stellen Ulver einfach mal eine digitale EP online. Von der es irgendwann auch eine greifbare Version geben, doch so lange wollte ich nicht warten.


ULVER - Sic Transit Gloria Mundi ep (download) (2017)

Stilistisch schließen die drei Stücke alle nahtlos an den Synthie-Art-Pop des überragenden Albums "The Assassination Of Julius Caesar" an. Kein Wunder, stammen die Ideen zu zwei der Stücke doch noch aus der Kompositionsphase desselben, wurden damals jedoch auf Eis gelegt und nun im Sommer vollendet.

Auch wenn dies wieder recht düster-melancholisches, irgendwie auch intellektuell deepes Zeug ist, würde ich diesen Stücken tatsächlich noch etwas größere Radiotauglichkeit als dem Großteil des Albums attestieren. Auf jeden Fall halten sie die in diesem Soundgewand etablierte Klasse.

Der letzte Track war sogar schon ein Radiohit, handelt es sich doch um ein das Original respektierendes und großartig ergänzendes Cover eines 80er-Ohrwurms.
Ich liebe "The Power Of Love" ja schon von Frankie Goes To Hollywood (insbesondere die fast zehnminütige 12"-Version). Die spezielle epische Note, welche die Norweger dem Stück verleihen, hebt das Lied aber noch in ganz neue Gefilde. Eighties-Pop neu zu interpretieren ist ja schon oft böse schiefgegangen, doch Ulver nutzen die Gelegenheit, um eine tadellose Glanzleistung abzuliefern.

Respekt!




Highlights: The Power Of Love, Bring Out Your Dead


2017-11-11

PAPIR, THE SONIC DAWN und HYPERTONUS im Hafenklang, Hamburg (09. November 2017)

The Sonic Dawn



Papir, unbestritten Mitglieder des aktuellen dänischen Psych-Hochadels hatte ich bisher "nur" gemeinsam mit Electric Moon als The Papermoon Sessions live gesehen. Und spätestens seit Veröffentlichung ihres fantatischen "Live At Roadburn"-Albums steht ein Konzert von ihnen auf meiner Wunschliste.

Donnerstag kamen sie endlich mit Support im Goldenen Salon des Hafenklang vorbei. Zunächst nur mit einem Support-Act angekündigt, war es nun ein facettenreiches Dreier-Paket, das uns erwartete.


Hypertonus

Den Anfang machten die Bremer Hypertonus und es war nach Sekunden klar, dass dieses Instrumentaltrio unterhaltsam sein würde, als zunächst ein Dub, wie ihn King Crimson oder Blind Idiot God spielen würden, das Set eröffnete, um bald darauf in funkige Licks umzuschlagen. Und von da an war eigentlich alles möglich.

Überhaupt sind bei diesem agilen, kreativen, trippigen Progrock mit einem das ganze Set über zwischen Funk, Jazz und Post Rock tanzenden Gitarrensound King Crimson als Referenz für mich nicht zu vermeiden. Der Auftritt von Hypertonus war zwar nicht besonders lang (glaube ich zumindest, ich habe den ganzen Abend nicht auf die Uhr geschaut), dafür aber auch super kurzweilig. Eigenwilliger Sound, tolle Band.


Papir

Vollkommen aus dem normalen Zeitgefühl riss mich dann aber der Headliner.

Da sie sich Drums und Equipment großenteils mit Hypertonus teilten, während The Sonic Dawn ihr ganz spezielles Setup benötigten, waren sie schon jetzt in der Mitte dran.

Papir sind Hendrix plus Hills plus Duracell. Mit einem sich perfekt gegenseitig ergänzenden Zusammenspiel, getrieben von einer nimmermüden, actiongeladenen Rhythmussektion, spielte sich das Trio in jedem seiner Stücke in einen Rausch.  Egal ob alle exzessiv durchdrehen oder die Gitarre Dich mit geschlossenen Augen schweben lässt; wie diese Musik sich ohne Unterlass immer weiter selbst nach vorne treibt, das ist wirklich Oberklasse.

Nur Ansagen können die Jungs nach wie vor gar nicht, haha. Fantastischer Auftritt - und ich habe wirklich null Ahnung, ob Papir nun eine Stunde oder neunzig Minuten gespielt haben.


The Sonic Dawn


Eine andere Art von Zeitkrümmung bot die zweite dänische Gruppe des Abends, die später aufs Billing gerutschten The Sonic Dawn. Die Band zeigt nicht nur im hippiehemdig-cordhosigen Erscheinungsbild eine vollkomme Retro-Konsequenz, sondern ebenso in der Wahl ihres Equipment, was nicht nur die üblichen Vintage-Verstärker, sondern auch die Wahl der Mikrofone für Leadgesang und Overhead-Abnahme des Schlagzeugs mit einschließt.
Dass die Drums wie früher klingen, wird aber vor allem auch durch das antike Kit erreicht. So eine spindeldürre Grundschul-Musikzimmer-Hardware hatte ich zuletzt bei DeWolff im Vorprogramm der Blues Pills gesehen.

Die Musik war dann die absolute Zeitreise in die Psychedelikrockwelt der späten Sechziger Jahre. Das wirkte manchmal vielleicht etwas naiv oder fast albern, aber es war perfekt dem Zeitgeist nachempfunden und sehr gutes Entertainment, auch wenn nach der längeren Umbaupause und zu fortgeschrittener Stunde innerhalb der Woche nicht mehr so viele Zuschauer den Salon bevölkerten.
Neben den bluesigeren (und eine etwas spätere musikhistorische Phase emulierenden) DeWolff musste ich hier auch das ein oder andere Mal an (die kalifornischen) Monarch denken.

Vor allem - und das gilt auch für beide Band davor - war der Sound einfach klasse. Bei The Sonic Dawn im Speziellen beeindruckte aber noch der Trick, dass der Gitarrist seine Signal mit leichter (regulierbarer) Verzögerung auch über die Bassanlage schickte, so dass sein Instrument einem ständig in Stereo um die Ohren flatterte. Sehr trippy!



Auch wenn Papir ganz klar das Highlight und der Grund für mein Erscheinen waren, gefielen mir doch alle Bands des Abends. Eine rundum gelungene Zusammenstellung zum schmalen Punkerpreis. Da zahlt man aus Fußfaulheit auch gerne ausnahmsweise mal die Gebühr fürs nahe Luxusparkhaus mit angeschlossenem Hummerrestaurant. 

Warum hatte das eigentlich um ein Uhr nachts nicht mehr geöffnet? Ich hätte so gerne noch vollasig einen Hummer-to-Go hinterm während der Fahrt hinterm Lenkrad verputzt. Aber irgendwas muss einem dann ja doch immer noch den Tag verderben.




Hypertonus:

















Papir:























The Sonic Dawn: