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2016-11-19

WANG WEN - Sweet Home, Go!

Im Fernen Osten wird wieder einmal monumental transzendiert. Das neue Album der Chinesen Wang Wen ist - etwas später als ursprünglich erwartet - endlich da!



WANG WEN - Sweet Home, Go! (beer in clear / black in transparent blue 2LP) (2016)

Übersehen wir zunächst einmal gnädig die etwas seltsamen Songtitel. Englisch und Mandarin sind halt sehr unterschiedlicher Sprachen, bei denen es in der Übersetzung gerne holpert.

Stattdessen genießen wir lieber das großartige Artwork, bei dem jede der vier Albumseiten ein eigenes Cover hat, welches man durch die entsprechende Platzierung der Innenhüllen in der vorne offenen Außenhülle wechseln kann. Das verlangt zwar nach ein bisschen Vorsicht, wäre aber dennoch auch eine gute Idee für das ähnliche Konzept des Cult Of Luna / Julie Christmas-Albums "Mariner" gewesen.

Ein schöner Luxus ist das großformatige Booklet, in dem sich acht der zwölf Seiten voll und ganz der minimalistischen Copy&Paste-Coverkunst widmen. Sehr eigenwillig und gelungen ist das alles. Da muss man auch wieder einmal Pelagic Records dafür loben, solche positiv bekloppten Konzepte möglich zu machen.




Mit dem letzten Studioalbum "Eight Horses" hatten Wang Wen 2014 einen Kracher hingelegt, den ich guten Gewissens zur absoluten Créme de la Créme des Postrock/Post Metal-Genres zählen würde. Wie schließt man daran jetzt an?

Und welchen Einfluss hat das vor ein paar Monaten herausgebrachte Soundtrack-Projekt "In Course Of The Miraculous", bei dem sich die Band erfolgreich im experimentellen Live Ambient versucht hat?

"Sweet Home, Go!" findet seinen Platz irgendwo zwischen diesen beiden Polen.

Es ist deutlich zu spüren, dass die siebenköpfige Band bewusst in eine andere Richtung drängt als auf "Eight Horses", welches ja ein ziemlich wildes Album mit mehr als einem Querverweis zu Prog und Black Metal war. Insbesondere die sparsam eingesetzten, aber dafür umso wirkungsvolleren Brüllgesänge, die in sehr ähnlicher Form jüngst von Alcest auf "Kodama" wiederentdeckt wurden, stachen darauf hervor.

Und nun gibt es auf sechs der sieben Tracks gar keinen Gesang zu hören. Und auch "Reset" zählt in diesem Sinne nicht wirklich zu klassischem Bandgesang, da es sich um ein chorales A Capella-Outro handelt, welches auf der Schallplatte übrigens in eine schön fiese Endlosrille mündet, der ich beim ersten Hören bestimmt über fünf Minuten lang gelauscht habe. Sowas kann der beiligende Download natürlich nicht.

Musikalisch gönnen sich Wang Wen mehr Zeit und Raum. Die Tracks sind länger, oft langsamer und setzen noch mehr auf stufenweise epische Entwicklung als zuvor.
Insbesondere der Anfang des Openers "Netherworld Water" oder der ebenfalls viertelstündige Titeltrack scheinen fast unmittelbar von den Sessions zu "In Course Of The Miraculous" abgeleitet zu sein.

In den meisten Tracks ist dieser mehr atmosphärisch als technisch orientierte Ambienteinfluss zu spüren, trifft aber mitunter auf ein konterkarierend sehr modern produziertes, dominantes Schlagzeug.

Von der Stimmung her kann ich einige Stücke auf "Sweet Home, Go!" sogar in Bezug zu den Schleichjazzern Bohren und der Club of Gore setzen, insbesondere wenn die Trompete majestätisch melancholisch über den Dingen schwebt. Allerdings ist die Musik von Wang Wen natürlich bei weitem nicht so "ereignislos". Nach wie vor passiert hier stilistisch und klanglich schon durch gewohnt vielfältigen Instrumenteneinsatz sehr viel.
Vom Earth-Blues über Goblin Rebirth-Grusel bis zu brutalem Doom-Gestampfe, von Tribal-Elementen bis zu orchestralen Arrangements zeigt sich das Septett höchst einfallsreich.

Was zurückgefahren wurde sind diese schnell gespielten hohen Post-Rock-Leadgitarren, für die es eigentlich mal einen konkrete Bezeichnung geben sollte, und die vor allem Markenzeichen von Wang Wens japanischen Brüdern im Geiste Mono sind. Stattdessen tendiert die Gitarrenarbeit eher zu sanfteren Explosions In The Sky oder Maybeshewill.

Doch ganz ohne Mono-Referenz kann ich bei den Chinesen nicht auskommen.
Vergleicht man "Sweet Home, Go!" mit Monos aktuellem Werk "Requiem For Hell", dann bleibt es insgesamt dabei, das die Japaner die auf noch ursprünglichere Gefühle wirkende, monumentaler eskalierendere und auf ihrem höchst Riff- und Krachlevel auch lautere Band mit den gigantischeren Ohrwürmern sind.

Wang Wen hingegen bleiben für mich die feinfühligeren und klanglich noch breiter aufgestellten Songwriter. Letztendlich tun sich die Gruppen tatsächlich nicht viel. Und das sollen sie ja auch nicht, es ist schließlich Post Rock und kein Deathmatch.

Ich empfehle wärmstens, sich beide Alben zu besorgen und sie direkt nacheinander zu hören (erst Wang Wen). Das gibt einen überirdischen Spannungsbogen zum Niederknien!


奇妙 qímiào!





Highlights: Children' Palace, Red Wall And Black Wall, Heart Of Ocean



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