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2015-07-19

BONG - We Are, We Were And We Will Have Been

"Freunde, fürchtet nicht um die Zukunft!
Wir sind, wir waren und wir werden gewesen sein,
Wir sind Giganten in der Zeit,
rittlings auf den Äonen."

"Findet eure eigenen Götter!
Nicht in trostlosen Kapellen und düsteren Schreinen,
sondern unter den Steinen und Strömen,
im blassen Nebel über vertrauten Hügeln,
durch sanftes Morgenlicht,
hinter dem Schatten der Bäume."



BONG - We Are, We Were And We Will Have Been (LP) (2015)

Über einer idyllischen Zivilisationslandschaft des frühen neunzehnten Jahrhunderts, gemalt von Joseph M.W. Turner, schwebt wie ein Buddha im Schneidersitz das Logo von Bong, der Band, die hält, was ihr Name verspricht.

Fast jedes Bong-Album besteht aus zwei Stücken. Diese werden - je nach Songlänge - auf eine oder zwei Schallplatten verteilt.


"We Are, We Were And We Will Have Been" gehört zu der kürzeren Art, mit 17 und 18 Minuten sind die beiden Tracks für die Verhältnisse der Band sogar schon fast radiotauglich zu nennen.
Und gerade im Vergleich zum Vorgänger "Stoner Rock" mit der über halbstündigen Ein-Ton-Extremprüfung "Polaris" sind diese neuen Tracks schon sehr zugänglich und scheinen mir ähnlich gut als Einstieg für Bong-Neulinge geeignet zu sein wie "Mana-Yood-Sushai".

Wie gewohnt pflegen die Briten hier ihren meditativen Drone-Doom mit sehr spärlichen Gesangs- bzw. Sprechpassagen (das da oben ist die Übersetzung der kompletten Texte) und den ewig darin verwobenen indischen Klängen des Shahi Baaja.

Ein Wort, welches man anders als bei früheren Werken komplett vermeiden sollte, ist Metal. Zwar mag die A-Seite "Time Regained" live sicherlich eine enorme Wucht entwickelt, doch statt eines erkennbaren Riffs setzt die Gitarre hier eher einen mehr spür- als hörbaren Puls in einem durchgehenden Drone-Strom.
"Find Your Own Gods" hingegen verzichtet ganz auf verzerrte Klänge und schwelgt wie eine Mischung aus frühen Pink Floyd und späten Dead Can Dance in der Schönheit seiner Klänge.

Auch rhythmisch geben sich beide Stücke mit durchgehenden straighten Beats sehr eingängig.
Also kein Ein- und Ausfäden / Stop-and-Go wie z.B. auf der B-Seite der "Idle Days Of The Yann" und erst recht kein ständig das Drumkit umkippendes Gepolter wie auf dem "Stone Mountain" von "Bethmoora".

Im Grunde bleibt dies also auch wie immer; dass Bong trotz ihres eigentlich sehr eng gesteckten stilistischen Rahmens doch stets neue Seiten von sich zeigen.

Eine groß- und einzigartige Band, ein phantastisches Album - und anders als bei Polska Radio One dank makelloser Vinylqualität und vorhandenem Downloadcode auch sonst absolut nichts zu meckern.


Ganz im Gegeteil! Denn da ich einer der ersten fünfzehn Besteller war, gab's sogar noch eine stilechte Einkaufstasche von Ritual Productions für den demnächst anstehenden Einkaufsbummel auf dem wackener Metalmarkt obendrauf.

Omm!

Anspieltipps: Find Your Own Gods, Time Regained

2015-07-18

POLSKA RADIO ONE - Early Broadcasts

Manche meiner Musikreviews schlummern ja monatelang mit ein paar Sätzen im Entwurfsmodus, ehe mir was mehr oder weniger schlaues einfällt und ich sie in die Welt entlasse.

Im Gegensatz dazu gibt es aber auch Alben, bei denen ich schon nach den ersten paar Durchläufen weiß, was sie für mich ausmachen, so dass ich mich eigentlich nur noch für ein paar Anspieltipps entscheiden muss.

Ein solcher Fall ist diese Vinyl-Only-Veröffentlichung aus dem Hause Sulatron Records:




POLSKA RADIO ONE - Early Broadcasts (orange vinyl) (2015)

Der Bandname deutet auf unsere direkten östlichen Nachbarn, doch tatsächlich stammt diese Gruppe aus der schon knapp in Asien liegenden russischen Millionenstadt Jekaterinburg.

Inwiefern sich die dortige (Musik-)Kultur im Sound der Band niederschlägt, kann ich aus massiver Ahnungslosigkeit nicht sagen, doch schimmern hier und da folkloristische Instrumente und eigentümliche Melodieführungen und Harmonien durch, die den Schluss nahelegen, dass ein solcher lokaler Einfluss vorhanden ist.

Aber von vorne: Polska Radio One spielen mit großer Lässigkeit ihre sehr frische Variante des Space/Psych Rocks. Meist instrumentallastig, mit packenden Melodien und den schon genannten vermutlich lokalen Einflüssen.
Wenn Gesang einsetzt, dann meistens in vielstimmigen hellen Harmonien.

Eigentlich könnte die acht Songs des Albums auch "Tomorrow Never Knows, Part 2 - 9" heißen, so sehr ist der Beatles-Klassiker hier - gerade während der rhythmisch treibenderen Stücke und im Gesang - stets präsent. Dennoch ist "Early Broadcasts" keine rein rückwärtsgewandte Retroscheibe, dazu setzt sie auch z.B. mit  Spuren von Shoegaze im Opener und diversen anderen moderneren Rockeinflüssen im weiteren Verlauf der LP zu viele Ausrufezeichen.

Am weitesten von der "Tomorrow"-Formel entfernen sich Radio Polska One mit "Shroomin'", einem Song, der mit mit seinen orgelunterlegten Strophen Richtung The Doors weist und mit colosseumartigen Bridges und Saxophonsolo sogar die Tür zur Jazz Fusion aufstößt.

Ich will gar nicht weiter um den heißen Brei herumreden:
"Early Broadcasts" ist tatsächlich ein rundum perfektes, eigenständiges Album mit Ambitionen auf Jahresendlisten-Topplatzierungen.

Oder in facebook-Sprech: "John Lennon und George Harrison gefällt das."


Das stimmige, grafische Cover und das hübsch orange Vinyl runden den positiven Eindruck ab.


Die einzigen Wermutstropfen sind, dass zumindest mein Exemplar jenes hübsch orangen Vinyls auch nach Nasswäsche stellenweise stark knackt und knistert. Und da kein Downloadcode beiliegt, muss ich mich wohl oder übel auch auf meiner selbst digitalisierten Kopie daran gewöhnen, diese Störsignale als Teil des Gesamtwerks zu akzeptieren. Aber was soll's... wär's Second Hand, würde ich auch nicht meckern.



Anspieltipps: North Berry, Shroomin', Rhymes And Harmonies, New Space

DER BLUTHARSCH AND THE INFINITE CHURCH OF THE LEADING HAND - Joyride

Nein, ich habe mir die Scheibe nicht wegen des furchtbar umständlichen Bandnamens gekauft!

Tatsächlich habe ich sie mir überhaupt nicht gekauft, was für meine Rezensionen in diesem Blog ja eher ungewöhnlich ist und normalerweise mit Weihnachten oder meinem Geburtstag zusammenhängt. Dieses Album erreichte mich jedoch unverhofft als Promo-CD.

Yeah, vielleicht endlich mal genüsslich einen derben Verriss in die Tastatur kotzen! (Kommt ja sonst selten vor, da ich mich immer bemühe, mir vernünftige Musik zu kaufen.)
Ob ich danach wohl ein schlechtes Gewissen habe?
Diese Frage muss ich vertagen, da es sich leider nicht um verrisstaugliches Material handelt.

Ich weiß schon durch den Briefumschlag, dass DBATICOTLH - was selbst abgekürzt noch ein furchtbar umständlicher Name ist - aus Österreich kommen, bin ansonsten jedoch beim folgenden Review durch keinerlei Informationen oder Vorkenntnisse abgelenkt.




DER BLUTHARSCH AND THE INFINITE CHURCH OF THE LEADING HAND - Joyride (2015)

Schon beim ersten Hören stelle ich fest, dass mich dieses Album ganz gut bei einigen meiner aktuellen Hörgewohnheiten abholt, ohne dass ich es nach dem Motto "klingt genau wie XYZ" in eine eindeutige Schublade packen kann.
Dem furchtbar umständlichen Bandnamen nach würde ich annehmen, dass die Gruppe ursprünglich irgendwo aus der Gothic/Industrial-Ecke stammt, beides Richtungen, die hier zumindest in Fragmenten und der düsteren Grundstimmung herauszuhören sind.

Es dominiert jedoch ein trotz aller Dunkelheit lässig unterkühlter, psychedelisch spacetrippiger Sound, der mir besonders kompatibel zu nächtlichen Autofahrten in der Neonwüste erscheint. Das Cover und der Albumtitel "Joyride" sind also schon gerechtfertigt.

Ob die meist dumpf blubbernde und dröhnende Rhythmussektion eher organischen oder programmierten Ursprungs ist, kann ich ehrlich gesagt nicht eindeutig erkennen. In den Lagen darüber bleibt das Klangbild auf jeden Fall elektrolastig, enthält aber auch einige cool wabernde und solierende Gitarren.

Insgesamt fühle ich mich passagenweise sowohl an SQÜRL als auch an ein paar Future-Jazz-Scheiben aus meinem Regal erinnert, müsste ich es auf einen definitiven Vergleich runterbrechen, dann würde ich sagen, dass Der Blutharsch And The Infinite Church Of The Leading Hand mir noch am ehesten wie die Darkwave-Variante der Lumerians vorkommen.

Der punkige weibliche (Sprech-)Gesang scheint von Jarboe beeinflusst, erinnert mich bei vielen Stücken aber noch stärker an Rebecca Vernon von SubRosa.

Insgesamt muss ich sagen, dass mir die Scheibe zwar durchgehend gefällt, mir allerdings noch das finale Sahnehäubchen fehlt.

"Joyride" ist nämlich offensichtlich gewollt recht dumpf produziert, was ja durchaus funktionieren kann, wenn man z.B. wie bei "Ultraviolence" von Lana Del Rey die Klarheit von Gesang (und Gitarre) besonders herausheben möchte. In diesem Sinne wäre der Sound für mich hier auch ok, wenn jedenfalls ab und zu mal dann umso effektivere lichte Momente kämen, in denen sich z.B. ein lebendig klingendes Schlagzeug aus dem Sumpf freigroovt oder ein Song plötzlich zu einem schillernden Wall of Sound explodiert... Doch Auflösungen dieser Art kommen leider nicht, es ist von Anfang bis Ende gleichmäßig dumpf, so dass der Eindruck bleibt, dass hier im Mix unnötig Potential verschenkt wurde.

Dennoch bleibt "Joyride" immer noch ein durchaus gutes Album.

Als Medium der Wahl empfehle ich ungesehen Vinyl, welches *nachrecherchier* irgendwann nach dem Sommer erscheint - schon damit man den furchtbar umständlichen Bandnamen auf dem Cover überhaupt lesen kann.



Anspieltipps: Cold Freedom, Reach the Stars, Falling Out Of Time, Not Quite Evil