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2013-12-30

Jahresrückblick Musik 2013

Willkommen zur Fortsetzung meiner letztes Jahr begründeten Blog-Tradition des Jahresrückblicks im üblichen Musikpresse-Format.



ALBUM TOP 15:

  • THE WINERY DOGS - The Winery Dogs
  • VOIVOD - Target Earth
  • JANELLE MONÁE - The Electric Lady
  • THE DILLINGER ESCAPE PLAN - One Of Us Is The Killer
  • AUTOPSY - The Headless Ritual  
  • STEVEN WILSON - The Raven That Refused To Sing
  • DAVID BOWIE - The Next Day
  • MOTORPSYCHO - Still Life With Eggplant
  • EXIVIOUS - Liminal 
  • DREAM THEATER - Dream Theater
  • AYREON - The Theory Of Everything
  • SWANS - Not Here / Not Now
  • YOUN SUN NAH - Lento
  • BLACK SABBATH - 13
  • JESU - Every Day I Get Closer To The Light From Which I Came

Auf 10 Stück wollte ich es beim besten Willen nicht mehr runterbrechen. Die Auswahl war so schon knifflig genug und ist im Grunde bis auf die ersten beiden Plätze als Momentaufnahme zu betrachten. Gerade ein paar Livealben (NEAL MORSE, BONGRIPPER) hätten hier eigentlich noch hineingehört. HAKEN wären mit ihrem sensationellen "Mountain"-Album wohl auch vetreten, aber das kaufe ich mir ja erst im neuen Jahr. Und LAIBACH waren mit einer anderen Version ihres "Iron Sky"-Scores ja schon letztes Jahr dabei; ganz davon abgesehen dass der Soundtrack zum Director's Cut auch nur noch einen Tag Zeit hat, um noch 2013 per Post bei mir einzutreffen.


TOP Konzert-BLU RAY:
  • DREAM THEATER - Live At Lunapark


KONZERT TOP 5:
  • THE WINERY DOGS - Knust, Hamburg
  • NEAL MORSE - Markthalle, Hamburg
  • IRON MAIDEN - O2 World, Hamburg
  • THE DILLINGER ESCAPE PLAN - Knust, Hamburg 
  • ANTHRAX - Wacken Open Air
Es überrascht vielleicht das Fehlen von DEPECHE MODE. Irgendwie habe ich die gar nicht so sehr als Konzert, sondern mehr als Event in Erinnerung, was bei großen Sportarenen und Mehrzweckhallen wohl immer die Gefahr ist. Aus diesem Grund spare ich mir schweren Herzens auch die anstehende Tour von DREAM THEATER. Für diesen "Konzertsaal" wieder nach Hannover? Nein.


BESTES KONZERT von DAS ROTE UNIVERSUM:
(Nein, die Auswahl war wieder nicht riesig. Unsere Performance war vielleicht bei den anderen Gigs besser, aber schon durch die Umstände werden wir uns an diese Party wohl am längsten erinnern.)


WIEDERENTDECKUNG 2013:
  • DANZIG
Es gibt ja diese Bands, die man früher live gesehen und ständig gehört hat, aber da man alle Alben nur auf Kassette besaß (heute wäre die Entsprechung wohl "in den Youtube-Favoriten gespeichert" oder so ähnlich), haben sie irgendwann an Bedeutung verloren. So ging es mir mit DANZIG.
In Wacken habe ich Meister Böse nun wiederentdeckt und mir nicht nur endlich die ersten vier Alben auf CD zugelegt, sondern zusätzlich auch noch sein zweites düsterorchestrales Solowerk "Black Aria II" (Nr. 1 kenne ich dank exzessiven Einsatz in Rollenspielrunden in- und auswendig), sowie die sehr lohnenswerte Sammlung "Lost Tracks of Danzig", die inzwischen so rar ist, dass ich drei Monate auf ihre Lieferung warten musste.

Und neben der großartigen Musik gehören bei Danzig natürlich auch grenzwertige Cover und peinliches Posing mit Pornohäschen-Blondinen zum Entertainment-Package dazu.




UND SONST SO 2013?

Dank den tollen La Discotheque Ideale-Boxen eine Menge Jazz-Klassiker kennengelernt.

"FRAKTUS - Der Film" gehört in jede gut sortierte Heimkinosammlung. Dickie Schubert ist der norddeutsche Nigel Tufnel!
 


ENTTÄUSCHUNG 2013:

Zunehmende Special Edition-Abzocke:
Als erstes das Album in normal und als Special Edition mit Bonustracks auf den Markt bringen. Dabei würden die Bonustracks auch locker auf die normale Version mit drauf passen. Außerdem kaufen zunächst einmal sowieso fast alle die Special Edition, was diese eigentlich zur normalen Version macht, während sich die Normalversion nur Leute besorgen, die übersehen haben, dass es auch die Special Edition gibt. Alles klar?
Wie auch immer, wenn der Verkauf läuft, dann bringt man zu Weihnachten noch einmal eine zusätzliche Version mit noch mehr Bonustracks raus. Musikliebhaber finden ja ohnehin nichts geiler, als sich zehn mal dasselbe Album zu kaufen.
Und dann gibt es ja auch noch die Boxen.... Du möchtest das Konzert auf Audio-CD? Ok, aber nur wenn Du die Blu Ray und DVD dazukaufst. Nichts brauche ich mehr, als identischen Inhalt auf DVD und Blu Ray - und fucking Digital Copy natürlich auch noch... Im übrigen ein Problem, dass sich die Musikindustrie mit Film-DVDs und -Blu Rays teilt.

Und über die Unfähigkeit, FSK-Aufkleber vernünftig entfernbar anzubringen und die Immer-noch-nicht-Erfindung der CD-Hülle habe ich mich ja schon oft genug ausgelassen. Obwohl... geholfen hat es bisher noch nicht. ;)



VORFREUDE / HOFFNUNG 2014:

Neue Alben von CYNIC, TRANSATLANTIC, TRIPTYKON und LAIBACH. Von letzteren vielleicht auch endlich die immer wieder verschobene "Revisited"-Scheibe, bevor man sie in "Slovenian Democracy" umbenennen muss. Hoffentlich auch Gelegenheit, diese Bands alle live zu sehen. Bisher sieht es, auch wenn ich dafür weit fahren muss, sehr gut aus, denn es fehlt mir tatsächlich nur noch das Ticket für CYNIC - wenn sie denn auf Tour kommen. Sie teilen sich ja mit EXIVIOUS die Plattenfirma. Das wäre doch die Traumkombination...

TRIPTYKON spielen u.a. zusammen mit CANDLEMASS, NAPALM DEATH und den leibhaftigen MAGMA auf dem Roadburn Festival, auf das ich schon extrem gespannt bin, inkl. mir persönlich noch neuer Künstler wie YOB und LOOP. Und das Festival bringt mich gedanklich natürlich zu VOIVOD. Die dürfen 2014 selbstverständlich gerne die Tour zu "Target Earth" nachholen.

außerdem : DREAM THEATER / LAIBACH / LIS ER STILLE / THE HIRSCH EFFEKT / THE MOUNT FUJI DOOMJAZZ CORPORATION / THE OCEAN

Ich bin ja absolutes CD-Kind, auch wenn ich um die Schwächen des Mediums weiß. Das liegt wohl zum Teil an der Zeit, in der ich angefangen habe, mich für Musik zu interessieren. Wenn ich mir ein Album kaufe, dann einfach auf der kleinen Silberscheibe. Der Druck, mir vielleicht doch mal einen Plattenspieler zuzulegen, wächst jedoch zugebenermaßen durch immer mehr exklusive Vinyl-Veröffentlichungen ständig.

Das soll hier aber gar nicht das Thema sein. Ab und zu begnüge ich mich nämlich inzwischen auch mit mp3-Downloads, allerdings wirklich nur bei ansonsten überteuerten oder nicht mehr erhältlichen Klassikern und ausgewählten ausschließlichen Downloadveröffentlichen. Und manchmal verschenken Künstler ja auch etwas...

Daher hier nun als Ergänzung zu meinen Tonträger-Rezensionen 2013 noch ein kleiner Überblick über die dieses Jahr erschienenen und meiner Sammlung einverleibten Emmpedreis:



Ein Geschenk von DREAM THEATER, online gestellt natürlich pünktlich um "six o'clock on a christmas morning" - Fans erkennen die Referenz. Satte zwei Stunden Livematerial, nämlich alle auf der letzten Welttour gespielten Songs, die es nicht auf "Live at Luna Park" geschafft schaffen, u.a. die Longtracks "Endless Sacrifice", "The Great Debate", "Learning To Live" und "The Count Of Tuscany". Da verzeihe ich  auch gerne, dass sie mich gezwungen haben, mich mit Torrent-Software, Konvertierung in mp3s und versehentlichem Download und Deinstallation unerwünschter weiterer "Hilfprogramme" herumzuschlagen.

Quelle: dreamtheater.net


Neues kündigt sich an von LAIBACH. Deren Download-EP "S" besteht aus "Love On The Beat" vom nach wie vor grandiosen Livealbum "Monumental Retro-Avantgarde" und drei Tracks des im März erscheinenden Albums "Spectre". Die drei für lau zu habenden Stücke "Eurovision", "No History" und "Resistance Is Futile" (mit vielen nerdfreundlichen Borg-Anspielungen) machen schon sehr große Lust auf ein europapolitisches Elektroalbum mit viel Beat, Popappeal, Orchesterbombast und Mina Špiler.


 
LIS ER STILLE hauten mit den drei Stücken von "Flight Of Belljár" eine kleine aber feine Superlativ-Veröffentlichung raus.
Es handelt sich bei der Konzept-EP zum Weltuntergang durchaus sowohl um das zugänglichste, als auch bombastischste und am anspruchsvollsten komponierte Werk der Dänen. Da es eben nur drei Stücke sind kann es gegen "Nous" oder meinen Favoriten "The Collibro" insgesamt zwar nicht anstinken, aber allein die Spannung auf den nächsten echten Longplayer wächst durch Belljárs Flug schon enorm.



"Fixum" von THE HIRSCH EFFEKT ist die A-Seite einer Split-LP mit dem Liedermacher Zinnschauer und zudem der einzige komplett neue Mathcore / Emo / Progfrickel / Metal-Track der Scheibe. Bei den restlichen, allesamt überwiegend ruhigen Stücken handelt es sich um eine nicht verwendete Aufnahme und zwei alternative Versionen von Songs des unfassbar einzig- und großartigen 2012er Albums "Holon: Anamnesis". Und auch diese vermeintliche Resteverwertung hat schon gewaltige Klasse und gehört zum besten, was deutschsprachige Musik so zu bieten hat.



Auf dem Roadburn Festival 2012 habe ich ja einige tolle Auftritte gesehen. Einen, den ich leider nicht von Anfang an mitbekommen habe, liefern mir THE MOUNT FUJI DOOMJAZZ CORPORATION hier mit "Roadburn" dankenswerterweise nach.
Der Name ist Programm. Man muss es schon düsteratmosphärisch advantgardistisch mögen, um sich für dieses Drone-Orchester begeistern zu können. Nein, die vier Suiten (von denen die ersten drei übrigens jeweils genau 16:32 Minuten lang sind) sind nichts für die Gartenparty. Geduld und ein offenes Ohr werden belohnt. Und John Zorn-Fan zu sein, kann als Voraussetzung bestimmt auch nicht schaden.

Quelle auf bandcamp.com ist derzeit leider down.


Ja, ich gebe es zu: Ich habe "Pelegial" von THE OCEAN auf CD verschenkt und dabei nebenbei selbst einen Download des Albums abgestaubt, obwohl dies bei Geschenkbestellungen ja eigentlich gar nicht möglich sein soll. Aber ich will mich nicht beschweren, denn das in doppelter Ausführung (davon einmal rein instrumental, so wie es ursprünglich wegen Erkrankung des Sängers geplant war) daherkommende Konzeptwerk dieser angedoomten progressiven Post-Allesmögliche-Band hat es wahrhaftig in sich. Seit ich die Gruppe 2008 im Vorprogramm von Opeth und Cynic gesehen habe, stand die Zeit bei ihnen auf jeden Fall nicht still. Ich freu mich schon darauf, sie Anfang August in Wacken zu sehen!


Und das waren jetzt aber auch wirklich meine letzten Musikrezensionstexte für dieses Jahr.

2013-12-26

Stephan Ohlsen - Das vergessene Interview



Mensch, da ist mir doch gerade wieder etwas eingefallen!

Ein paar meiner facebook-Freunde mögen sich vielleicht dunkel erinnern, dass ich mich vor etwa zehn Monaten mal gefreut hatte, dass jemand ein Interview für eine Kolumne über Amateurfotografen in einer digitalen Sonntagszeitung mit mir führen wollte.

Und das war nicht nur Fantasie, nein, dieses Interview hat es tatsächlich gegeben. Obwohl... nein, eigentlich hat es nicht wirklich stattgefunden. Ob es überhaupt jemals erschienen ist, weiß ich auch nicht... Der letzte Stand war, dass es wegen Papstschlagzeilen verschoben wurde, ich vermute mal, ins Nirvana. Ich habe jedenfalls kein Update mehr erhalten.

Immerhin habe ich aber mal einen kleinen Einblick bekommen, wie solche Artikel funktionieren:
Es wurde ein Termin vereinbart, an dem wir dann ein ziemlich langes, freies Telefongespräch führten. Dieses war besonders von meiner Seite aus sicherlich sehr unstrukturiert und auf keinen Fall im Wortlaut abdruckbar. Aber das war ja auch nicht der Sinn der Übung...

Wenig später bekam ich dann eine Mail mit einem sowohl auf Informationen aus dem Gespräch als auch allgemeiner Lomo-Folklore basierendem, komplett erfundenem Interview. Sachen wie "aus der Hüfte geschossen" würde ich kaum sagen. Bis auf ein paar Kleinigkeiten ist also alles frei erfunden. Den allerletztem Satz, den habe ich - soweit ich mich erinnere - tatsächlich genau so gesagt.

Ich durfte den ganzen Text dann noch einmal so korrigieren, dass ich am Ende zwar immer noch das Gefühl hatte, einen Papageien auf meine Antworten trainiert zu haben. Aber zumindest stimme ich inhaltlich so einigermaßen mit meinem erfundenen Interview-Ego überein.

Nichtsdestotrotz ist das "Interview" ja vielleicht trotzdem auch ein wenig interessant. Wegen meiner hemmungslosen Ausplauderei hier belasse ich mein Gegenüber mal anonym, auch wenn mir klar ist, dass diese Form von Artikeln vermutlich ganz weit verbreitete Praxis ist. Wahrscheinlich muss es im Umgang mit Interviews nicht gewohnten Menschen sogar in dieser oder ähnlicher Form laufen, um lesbar zu sein. Allerdings wird dem Interviewten in dem Prozess trotz Korrektur doch vieles künstlich in den Mund gelegt.


Die dazugehörige Bilderauswahl spare ich mir allerdings. Ich weiß ja ohnehin nicht, welche davon es in die Endauswahl geschafft haben - oder hätten?


In Ihrem Internet-Blog finden sich mindestens so viele Einträge zur Musik wie zur Fotografie. Spiegelt sich diese Musikleidenschaft - sie umfasst die melancholischen Balladen einer Tori Amos ebenso wie Thrash-Metal härtester Gangart - auf irgendeine Weise in der Fotografie?

Schwer zu sagen. Inhaltlich sehe ich da keine direkten Bezüge, in der Herangehensweise gibt es aber durchaus Parallelen: Sowohl als Musiker - ich spiele Schlagzeug und singe in einer Undergroundband - als auch in der Fotografie liebe ich ein großzügiges Maß an stilistischer Heterogenität und kultiviertem Chaos und versuche, aus limitierten Möglichkeiten das beste herauszuholen. Maximal ein Probeabend pro Woche ist nicht viel, wenn man gerne Mammutsongs schreibt, weshalb ich gerne überspitzt behaupte, dass wir Prog-Rocker gefangen in den Fähigkeiten von Punks sind.
Und wenn ich als Fotograf mit antikem Gerät oder Spielzeugkameras hantiere, bei denen ich nur wenig bis gar nichts einstellen kann, dann bringe ich mich im Grunde künstlichin eine ähnliche Situation technisch begrenzter Möglichkeiten. Die Ergebnisse sind auf beiden Gebieten selten formal perfekt, müssen es aber auch nicht sein. Im Gegenteil, Kreativität entwickelt sich oft erst aus dem Mangel, aus einem gewissen Unvermögen. In einer Zeit, in der technisch perfekte Fotos allgegenwärtig sind, gewinnen absonderlich komponierte Aufnahmen mit nicht perfekt sitzender Schärfe und verschobenen Farben an Charme, an Unverwechselbarkeit und, gerade weil sie nicht makellos sind, auch an Menschlichkeit.

Zum Eindruck des Unperfekten, des "aus der Hüfte Geschossenen", trägt maßgeblich Ihre Fotoausrüstung bei. Sie arbeiten vorwiegend mit analogen Kameras der schlichteren Bauart: Neben diversen "Lomos" haben Sie in Ihrer umfangreichen Sammlung auch einige Mittelformatkameras osteuropäischer Herkunft, etwa die Kiev 88, eine technisch ziemlich unzuverlässige Hasselblad-Kopie. Was reizt Sie an diesem Low-Tech-Equipment?
 
Ja, die Kiev kostet immerhin ein paar Hunderter und ist damit beinahe schon mein wertvollstes Stück. Sie lädt unerfahrene Benutzer förmlich zur Fehlbedienung ein, etwa, wenn man den Auslöser betätigt, bevor man den Film weitertransportiert hat. Das quittiert sie schlimmstenfalls mit totaler Arbeitsverweigerung! Solche Kameras sind keine Präzisionsinstrumente, die ihren Dienst wie ein Uhrwerk verrichten. Dafür bietet die Kiev mir allerdings auch Objektive, von deren Qualität man in der Preisklasse sonst nur träumen kann. Und auch jede meiner wirklich billigen Kameras erzeugt einen anderen, ganz eigenen Bildlook. Wenn man geschickt mit den Bockigkeiten und Limits dieser Diven umzugehen versteht, wird man mit phantastischen, atmosphärisch dichten Aufnahmen belohnt. Obwohl ich schon seit etlichen Jahren mit diesen Kameras umgehe, gibt es immer wieder Fotos, die mich total überraschen. Eine Hochleistungskamera produziert deutlich berechenbarere, jederzeit reproduzierbare Ergebnisse. Für Profifotografen ist das vielleicht eine wichtige Arbeitsvoraussetzung - für mich ist es eher uninteressant.

Sie fotografieren auf Film - um ihre Arbeiten dann doch im Wesentlichen im Internet zu präsentieren. Wozu der Umweg über das Analoge? Sie könnten doch ebenso gut eine möglichst trashige Digitalkamera verwenden...

Nein, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Zum einen machen schlechte Digitalkameras tatsächlich nur schlechte Bilder. Und dieses "Schlecht" ist etwas ganz anderes als die Unvollkommenheit meiner analogen Aufnahmen. Als ich um 2004 angefangen habe, mich wirklich ernsthaft mit Fotografie zu beschäftigen, hatte ich eine digitale Kompaktkamera. Die ganze Technik war damals noch nicht ansatzweise ausgereift, die Bilder wirkten grob und künstlich. Ein Bild hingegen, das ich mit einer Filmkamera geschossen habe, hat allein deshalb schon eine gewisse Lebendigkeit, weil es das Ergebnis chemischer Prozesse ist, die nie hundertprozentig identisch ablaufen - erst recht, wenn man, wie ich es gelegentlich tue, Filmmaterial verwendet, das sein Haltbarkeitsdatum um Jahre oder sogar Jahrzehnte überschritten hat.
Ein anderer Unterschied zwischen analog und digital: Mit einem Film beschäftige ich mich wesentlich intensiver als mit den Datein aus meiner Digitalkamera. Während mir Digitalfotos sofort zur Verfügung stehen, muss ich das Filmmaterial erst einscannen und am Rechner von Staub und Kratzern befreien. Dieser Zeitaufwand führt zwangsläufig dazu, dass ich mich viel eingehender mit jedem einzelnen Bild beschäftige, ein tiefergehendes Verhältnis zu ihm entwickle. Diese Langsamkeit schätze ich sehr, sie bewahrt vor inflationärem Bilderkonsum.

Noch ein Unterschied: Während eine großzügig dimensionierte Speicherkarte ein paar Tausend Bilder fasst, hat ein Film maximal 36 Aufnahmen - und ist, die Enwicklungskosten eingerechnet, vergleichstweise teuer. Ist das nicht ein gewisses Hemmnis für unbedarftes Drauflosfotografieren?

Ich nutze hin und wieder z.B. das Format 6 mal 12 cm, was mir auf einem Mittelformatfilm nur sechs Aufnahmen erlaubt. Da muss ich dann schon aufpassen, das ich nicht vor jeder Aufnahme nachrechne, was die mich jetzt kosten wird. Kleinliche wirtschaftliche Erwägungen sind Gift bei einer Sache, die man erfolgreich nur mit Leidenschaft und Risikobereitschaft betreiben kann. Ich versuche einfach, nicht daran zu denken, wie viel Geld ich verschieße. Meistens gelingt mir das ganz gut.

Apropos "verschießen": Wie viel Ausschuss produzieren Sie?

Eigentlich nicht allzu viel. Im Mittelformat, wo ich stets ein wenig mehr Sorgfalt auf die Komposition verwende, lasse ich sicher 70 bis 80 Prozent der Aufnahmen durchgehen. Bei Kleinbildfilmen verschieße ich da schon ein wenig mehr, weil ich zumeist wesentlich spontaner und zwangloser arbeite.

Spielt digitale Bidlbearbeitung in Ihrem Workflow eine Rolle?

Kaum. Die Arbeit am Rechner beschränkt sich im Wesentlichen auf rein handwerkliche Dinge: das Scannen von Dias und Negativen, notwendige Retuschearbeiten, gelegentlich eine leichte Anpassung von Helligkeit und Kontrast, hin und wieder eine Schwarz-Weiß-Umwandlung. Von modischen Gepflogenheiten wie Retro-Farblooks oder künstlichem Filmkorn, die Fotos nachträglich auf analog trimmen sollen, halte ich nichts. Ich verlasse mich ganz auf die Bildwirkung, die durch Kamera, Film und chemischen Prozess zustande kommt. In dieser Hinsicht bin ich Purist.

Viele Fotografen spezialisieren sich mit zunehmender Erfahrung auf bestimmte Genres. Sie sind diesbezüglich breit aufgestellt, man hat beinahe das Gefühl, Sie basteln an einer Art Alltagschronik - und lichten ab, was immer Ihnen vor die Linse kommt...

Das klingt zwar ein bisschen wahllos, aber in gewisser Hinsicht ist das tatsächlich so. Es gibt ja viele Fotografen, die auf bestimmte Motive aus sind, unbedingt mal New York bei Nacht oder spektakuläre exotische Landschaften ablichten wollen. Klar, ab und zu würde mich das auch reizen. Aber ich habe weder die Zeit noch die Mittel, um um die Welt zu jetten. Für mich besteht die Herausforderung allerdings eher darin, auch ohne "Eyecatcher" spannende Bilder zu machen. Ich lebe auf dem platten Land und da tobt naturgemäß nicht das pralle Leben. Und trotzdem gibt es in meiner unmittelbaren Umgebung viele Motive, die ich für würdig erachte, festgehalten zu werden. Das kann so etwas unbedeutendes sein wie ein kleines Waldstück, die Leitpfosten einer Landstraße oder notfalls auch mein eigener Schatten im Gestrüpp.
Nicht das Motiv ist ausschlaggebend, sondern die Art, wie man es sieht und fotografiert. Lustig ist übrigens, dass der Hersteller meiner heiß geliebten Lomo-Kameras seine Produkte immer unglaublich cool und urban, quasi als hippes Lifestyle-Accessiore für trendbewusste Großstadtcowboys, vermarktet. Da muss bei mir als Dorfkind mit Überhang an ländlichen Motiven offensichtlich irgendetwas schief gelaufen sein.

Wie stehen Sie eigentlich zur immer beliebter werdenden Smartphone-Fotografie?

Klar, so eine Immer-Dabei-Kamera ist schon praktisch, aber mein Ding ist das nicht. Als ich mir damals mein Handy zugelegt habe war der Verkäufer total perplex, dass ich ein möglichst simples Gerät ohne Kamera wollte. Ich habe diese Dinger einfach nie zu einem elementaren Teil meines Alltags gemacht, schon weil ich im Funkloch wohne und für jede SMS zur Netzsuche nach draußen laufen muss. Da geht nichts über den guten, alten Festnetzanschluss. Wenn ich meine Handy doch mal benutze, dann meistens, um auf die Uhr zu gucken.

Amen.

2013-12-25

Jahresrückblick Fotografie 2013 (35 Kameras)

Mein fotografisches Jahr 2013 war inhaltlich eigentlich ziemlich dünn. Deswegen müsste es eigentlich weniger darüber zu sagen geben als zu 2012. Ich habe zwar ein paar neue Kameras hinzubekommen, ein paar Team-Doppelbelichtungsfilme gemacht, das übliche halt... jedoch mangels Reisen keine Touristenfotos, keine über einen Film hinausgehenden Serien, kaum Konzerte, kaum Portraits.

Aber ich hatte mir da ja diese Liste hier ausgedruckt:


Das Ziel: viele Häkchen setzen. In erster Linie sollte dies als Ansporn dienen, einige noch nie benutzte Kameras, die ich schon seit Ewigkeiten hier liegen habe, mal zu testen.

Wir sehen fett alle meine funktionsfähigen analogen Fotoapperate. Dazu in kursiv einige Kameras, bei denen ich bei Erstellen der Liste noch nicht oder nicht mehr sicher war, ob sie gehen würden, sowie solche für die keine Filme mehr hergestellt werden und ein paar Einwegknipsen, die ich nur als Kür betrachtete.


Dann checken wir doch mal, was ich so abgehakt habe:


ADOX GOLF

Mein Balgen-Klassiker, mit nur  einem Film ganz klar unterbeschäftigt. Nächstes Jahr vielleicht mal wieder Konzertfotos oder als praktische Touristenknipse? Ich bin dieses Jahr ja wie gesagt so gar nicht rumgekommen...



AGFA CLACK PINHOLE

War natürlich beim Worldwide Pinhole Photography Day dabei, da sehe ich sie auch 2014.



ANSCO PIONEER

Die alte Primitivbox. Hat mehr Einsätze verdient, da mir ihre Anmutung meistens gefällt. Aber 620er Film heißt ja auch immer, dass man zweimal umspulen muss. Und mein Wechselsack ist innendrin schon ziemlich hinüber, da bleibt man ständig irgendwo hängen und verläuft sich mit der Hand...



BELAIR X 6-12 JETSETTER

Dieses umstrittene Lomospielzeug habe ich vor kurzem erst HIER gewürdigt. Gerade mit der Russenlinse beeindruckende Bilder. Muss sich auch 2014 keine Sorgen um mangelnde Aufmerksamkeit machen.



BILORA BOX

Erster Einsatz seit knapp sechs Jahren, wenn ich mich nicht irre. Könnte auch wieder so lange dauern, denn mein Exemplar bedient sich einfach nicht gut. Mal ganz davon abgesehen, dass mir auch schon die Frontplatte abgeflogen ist...



CHUPA CHUPS PHOTO POP

Mein 35mm-Plastikquatsch-Veteran - in dreifacher Ausführung:

blau ist definitv die jungfräulichste.



grün hatte schon einmal leichte Hemmungen, weswegen ich sie auf der Liste auch als unsicher geführt hatte.
Funktionierte dann aber doch problemlos. Nur der Ausklapphebel am Filmrückspulrad hat vergrüßt.



Und dass meine CCPP in rot überhaupt noch Bilder produziert, das grenzt eigentlich an ein Wunder. Der Zustand dieser Toycam ist wohl das, was man bei einem Teddybären als "kaputtgeliebt" bezeichnet. So oft runtergefallen, so viele Teile verloren... Nicht einmal mehr der scheiß Auslöser ist mehr komplett. Macht aber alles offensichtlich nichts.



DIANA

Meine historische Original-Diana. Noch so ein verkrüppelter Patient. Vor allem die scharfe Kante der sich oben ablösenden Metallplatte ist echt gefährlich.



EXACTA

Anders als der historisch anmutende Name verspricht, handelt es sich bei meiner Exacta um eine Kleinbild-Spielzeugnknipse mit Blitzanschluss. Tatsächlich hätte sie mir fast den Pflichtteil meiner Liste versaut, da ich sie versehentlich schon im April abgehakt hatte, doch im November plötzlich feststellte, dass ich ja gar nichts mit ihr gemacht hatte! Der Film war offensichtlich seit Monaten unbelichtet in der Kamera. Also ein paar mal unterwegs dabei, fleißig Bilder gemacht und dann... Ich weiß nicht genau, ob ich den Film herausgenommen und verschludert habe, oder ob überhaupt nie ein Film drin war und ich bei dem Häkchen damals nur in der Zeile verrutscht war. Egal - trotz Mistwetter noch rechtzeitig vor Toresschluss einen überlagerten Kodak Gold reingeschmissen, Fritz the Blitz mit blauem Filter angeschlossen und eine Runde Quatsch geknipst. Liste gerettet.




FOTOLABO CLUB FOTO BOX

Eine Einweg-Wegwerfkamera. Ebenfalls sehr flüchtig und bald wohl nur noch in der Erinnerung einzelner Nerds auch das Motiv des Bildes, welches ich für diesen Überblick ausgewählt habe. ;)



HOLGA 120 GFN

Mit genau dieser Holga ging der ganze Irrsinn hier im Januar 2006 los. 2013 habe ich sie allerdings nur einmal für ein Redscale/Colour-Doppelbelichtungsprojekt mit Tamara benutzt.



HOLGA 120 GN

Auch nur ganz wenig in der Hand gehabt. Und wenn dann immer mit der Holga-Fisheye-Linse. Ein wichtiger Grund für ihre Vernachlässigung hört definitiv auf den Namen "Tori".



HOLGA 135 BC

Pflicht schon im März erfüllt, Kür zugunsten ander Kleinbildknipsen ausgelassen.



HOLGA WIDE PINHOLE CAMERA

Wunderschöne Aufnahmen zum Weltlochkameratag am Wittensee. Hat selbstverständlich mehr Action verdient, ich weiß.



JELLY CAM

So komisch sich dieses wabbelige Spielzeug auch anfühlt; die Bilder taugen was.



KIEV 88

Muss auf jeden Fall künftig wieder mehr zu tun haben, schon damit ich damit nicht einroste. Ist schließlich immer noch die Königin meiner MiFoKas.



KODAK BROWNIE HAWKEYE

Meine Hardcore-Box. An einem so eiskalten Wintertag wie auf meinem Fotospaziergang im März habe ich wohl noch keine andere Kamera bedient. Gefrorenes Gesicht, tränende Augen, Händen in Handschuhen... macht nichts, mit der Brownie packt man das. Und alleine für dieses Foto hier haben sich die Qualen ja schon gelohnt:



KODAK INSTAMATIC 255X

Jawohl! Es war schon spät im Jahr, aber ich bin tatsächlich noch zu vertretbaren Preisen an zwei Filme geraten - und habe einen natürlich schon verballert. Allerdings wird das verfügbare Material in diesem Format nicht frischer - es wird also dringend Zeit, dass ein gewisser Hersteller das 126er-Format zum Kult erklärt und neu auflegt! Wäre doch schade um all die Instamatic-Kameras, die noch ungefüttert auf der Welt versauern.



KODAK JUNIOR 620

Meine älteste Klappkamera, und so sieht sie auch aus. Läuft wie ein rostiger, ewig nicht gewarteter Lanz Bulldog. Zusammen mit verwarzten überlagerten Filmen passt das schon.



KODAK ULTRA ZOOM

Ich hatte ja mal vier Stück dieser Wegwarf-Cam mit Zoooom. Von der letzten mochte ich mich noch nicht trennen. Also kein Häkchen.



LA SARDINA

Noch eine Kleinbild-Kamera, welche ich in dreifacher Ausführung mein eigen nenne. Zwei davon habe ich im April HIER vorgstellt.


Die Belle Starr mit Metallgehäuse musste ich der Liste noch nachträglich hinzufügen.




Reptilia Sapphire Serpent




Sea Pride




MINOLTA 505si

Diese SLR ist eigentlich gar nicht meine. Aber sonst benutzt sie auch niemand. Ich hatte sie an einem leider sehr tierarmen Tag im Wildpark Eekholt dabei.



MINOLTA AUTOPAK 460TX

Eine Pocketkamera! Mit eingebautem Blitz und Zoom. Und sie macht Laune. Im Prinzip ja wie Instamatic, nur deutlich kleiner und mit dem feinen Unterschied, dass es immer noch bzw. wieder neue Filme dafür zu kaufen gibt.



MINOLTA VECTIS 6X-4

Eine Unterwasserkamera für APS-Filme. Leider ist die Elektronik hinüber. Also aus der Liste gestrichen.



MINOX C

Pocketfilm ist noch nicht klein genug? Dann heißt die Lösung Minox Miniaturfilm.  Im September habe ich die Agentenkamera HIER schon ausführlicher gewürdigt.




PINGO

Meinen kleinen Pinguin hatte ich erneut in Wacken dabei.



POUVA START

Puuuh... Ob wir beide jemals echte Freunde werden? Eine klappernde und herausfallende Linse hilft dabei sicherlich nicht.



PRAKTICA

Kein Zusatz hinter dem Namen, tatsächlich eine wohl ca. 65 Jahre alte Praktica der ersten Generation. Ich habe sie erst kürzlich zusammen mit ein paar weiteren Erbstücken bekommen, darunter auch eine historische Stereokamera. Leider sind sie jedoch alle defekt, und auch dieses Schätzchen arbeitet nicht mehr hundertprozentig, besteht doch die Hälfte meines ersten Filmes aus Lichteinfall. Dennoch werde ich sie sicherlich nochmal benutzen, allein um dem ein wenig auf den Grund zu gehen.



RICHCAM

Noch eine Wegwerfkamera, die ich mir für später aufbewahrt habe. Kein Häkchen.




 SILVER CAM

Trotz geliebtem "Pseudorama"-Format; Sie hat etwas zurückstecken müssen, da ich meine Panoramas in letzter Zeit lieber im Mittelformat aufgenommen habe. Und weil diese Liste abgearbeitet werden musste natürlich auch. ;)



SMILE CAM

*check*



TORI

Also known as Diana F+ Tori Amos Edition Herzchen, Sternchen, Regenbogen. Mein Schatzzz! Und dann kann sie auch noch Lochkamera.




ZEISS IKON BOX-TENGOR

Noch so ein uralter Vogelkasten. Ganz komische Schärfeverteilung. Ist vielleicht nicht vorgesehen, dass ich das je kapiere.






ZEISS IKON ICAREX

*check*



ZENIT ET

done.







Und so sieht mein Zettelchen nun aus:






Und sonst?

Zu meinem Bild des Jahres in der entsprechenden flickr-Gruppe habe ich das weiter oben schon gezeigte Winterfoto aus der Kodak Brownie Hawkeye gekürt. Hätte ich länger drüber nachgedachtet, wäre die Auswahl bestimmt schwerer geworden.

Ginge es nach der geheimen Interessantheitsformel von flickr, dann wären es knapp hintereinander diese beiden:

Belbüttel 
Belbüttel

Ist für mich auch ok.

Gerade erst zum Fotostream hinzugestoßen, ansonsten hätte es vielleicht noch harte Konkurrenz werden können:

owl


Fazit: 2014 fotografiere ich ausschließlich Fogis hinter Gittern. Viel Spaß beim Anschauen! ;)

2013-12-21

JANELLE MONÁE - The Electric Lady

"To get lost in your thoughts is a very, very complex thought and the things that you find are surprising."

Ist das jetzt die Anleitung, um die ultimativ interessante Musikkritik zu schreiben? Darüber muss ich wohl noch nachdenken...

Aber ehe ich das tue, freue ich mich erstmal, dass sich die unfassbare Janelle Monáe drei Jahre nach ihrem Meisterwerk "The ArchAndroid" endlich mit einem neuen Album zurückgemeldet hat.


JANELLE MONÁE - The Electric Lady (2013)

Schon das lässig sowohl an Jimi Hendrix als auch an die Discowelle der 70er angelehnte Cover birgt einen Grund zur Freude: Wie schon auf "The ArchAndroid" und davor der "Chase Suite"-EP zeigen uns Kreise an, wo wir uns gerade in Monáes Metropolis-Saga befinden. "The Electric Lady" enthält demnach nicht wie erwartet die abschließende vierte Suite, sondern auch eine fünfte - und es folgen noch zwei weitere. Das heißt wohl, dass uns das Alter Ego der Sängerin, die Androidin Cindy Mayweather, noch mindestens ein Album länger als ursprünglich geplant erhalten bleibt.

Darüber kann man natürlich geteilter Meinung sein, genau wie über das vorliegende zweite Album. Ich persönlich mache mir keine Sorgen, dass die Dame an Kreativitätsmangel leiden könnte. Nein, ganz im Gegenteil, denn auch wenn wie beim Vorgängeralbum die einzelnen Suiten durch Overtüren eingeleitet werden, ist "The Electric Lady" alles andere als ein zweites "The ArchAndroid" geworden. Tatsächlich könnte ich mir nur wenige Stücke wie "Look Into My Eyes" oder "Sally Ride" auf dem Album von 2012 vorstellen.

"The Electric Lady" ist nicht mehr die ganz große Umarmung aller denkbaren im und um den Pop herumschwirrenden Genres, sondern tendiert eher in eine Richtung, was allerdings nicht heißt, dass hier auch nur ein Song einem anderen gleicht.
Ich habe ja schon diverse Reviews gelesen. Manche meinen, Janelle Monáe spielt hier die Evolution der Soulmusik durch, oder Sie erzählt die Geschichte der Emanzipation der schwarzen Frau in der nordamerikanischen Popmusik von den 60ern bis heute, wobei wahlweise auch noch die Roboter-Persona als Sinnbild ihrer Sexualtät interpretierbar ist. Oder auch: Janelle Monáe kreiert eigentlich Progrock-Alben, nur eben mit den Mitteln des R'n'B.
Und irgendwas ist wohl an all diesen Sichtweisen dran.

Tatsächlich scheint jeder Song für eine Spielart der Black Music zu stehen und einen anderen Paten wie z.B. Stevie Wonder oder die Jackson Five zu haben. Vor allem der Geist von Prince durchweht das gesamte Album, welches folgerichtig auch gleich mit einem Duett Monáes mit dem Artist formerly known as the artist formerly known höchstselbst und dessen Gitarre eröffnet wird. Es gibt noch ein paar Gastauftritte weiterer Sänger/innen, von denen man ein paar beim ersten Hören allerdings überhören könnte, einfach weil die Stimme von Janelle Monáe selbst so wandelbar ist, dass mir ihr die Parts von Solange Knowles oder Esperanza Spalding zunächst einmal ebenfalls zurechnet.

Wie gut einem "The Electric Lady" gefällt hängt natürlich zu einem großen Teil davon ab, was man den einzelnen Musikstilen und deren Vermengung miteinander abgewinnen kann.
So bin ich zwar grundsätzlich im gesamten Genre wenig zu Hause, jedoch für gut gemachten "klassischen", angejazzten Soul, Motown-Sound und knackigen Funk schnell zu haben, während ich mich mit dem Destiny's Child-R'n'B der 2000er oder dem mir völlig fremden Slow Jam meine Anlaufschwierigkeiten habe. Aber irgendwie schafft diese Künstlerin es doch, mir das alles im Gesamtzusammenhang zu verkaufen.
Eine besonders harte Nuss, die ich zunächst ab und zu ausgelassen habe, ist ausgerechnet das Finale des letzten Stückes "What An Experience", in dem sich einer der schlimmsten Musikarten der Moderne, des 80er-Jahre-Reggae-Pops bedient wird. Aber selbst das funktioniert für mich inzwischen irgendwie.

Allerdings beinhalten die 19 Tracks der CD noch drei nicht musikalische Zwischenspiele, an denen sich zurecht die Geister scheiden. Manchmal höre ich sie mit, weil sie die Lieder in den Zusammenhang einer pulsierenden Sci-Fi-Metropole setzten und konzeptionell einrahmen - anderseits gibt es für mein Empfinden grundsätzlich nur weniges auf der Welt, was mehr nervt als Radio-DJs... da muss man auch mal skippen können. Für das nächste Album hoffe ich doch lieber wieder auf instrumentale Zwischenspiele.

Android 57821, oder auch Cindy Mayweather, wird immer menschlicher. Der Sound ist wärmer und zugänglicher geworden als auf "The ArchAndroid", das Hit-Potential der Singles gestiegen.

Das überzogen Exzentrische, die künstlerische Distanz der Marke David Bowie, die auf "The ArchAndroid" oft spürbar war, hat abgesehen vom bewusst affektierten "Dance Apocalyptic" den Rückzug angetreten. Doch dafür legen die Stücke an anderer Stelle zu. So rücken die Leadgitarren immer mehr in den Fokus und auch Janelle Monáes Gesang ist anzumerken, dass sie trotz ihres gewaltigen Talents nach wie vor an sich arbeitet. Vor allem die Rap-Passagen in "Q.U.E.E.N.", dem Titelsong und ganz explosiv in "Ghetto Woman" gehören für mich zu den absoluten Highlights eines Albums, dessen erneut retrofuturistischer Ansatz erneut frischer klingt und mehr innovative Klasse hat als 99% dessen, was uns andere Popsängerinnen so um die Ohren nölen.

Noch einmal so überraschend aus dem Nichts die Musikwelt überflügeln wie mit "TheArchandroid" kann die Künstlerin zwar nicht, aber ich würde (bis auf die Zwischenspiele) auch nicht sagen, dass "The Electric Lady" ein schlechteres Album ist. Die Produktion ist sogar unzweifelhaft besser.

Um neue Zuhörer abzuholen, die fernab von Soul, R'n'B und Hip Hop sozialisiert sind, eignet sich der Vorgänger wahrscheinlich besser, doch wenn man eh schon mit Monáes Musik warmgeworden ist, dann sollte auch diese Scheibe bei einem heißlaufen, auch wenn man sonst wie ich auschließlich Jazz und kasachstanischen Dub Step hört.

Im Großen und Ganzen kann ich wieder sagen: Janelle Monáe - wenn schon Pop, dann doch bitte so!


Anspieltipps: Electric Lady, Sally Ride, Q.U.E.E.N., We Were Rock'nRoll, Givin Em What They Love, Ghetto Woman