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2013-11-20

THE HIRSCH EFFEKT, YOUR DYING TRUTH, SODIUM & UR live in Kiel (16.11.2013)

Oha, es ist ja schon wieder Mittwoch. Und da war ja letzten Samstag noch ein Konzert in der guten Alten Meierei in Kiel.

The Hirsch Effekt, die mich letzten Monat erst im Vorprogramm von The Dillinger Escape Plan beeindruckt hatten (und von denen ich mir zwischenzeitlich auch beide Alben besorgt habe), spielten dort nämlich als Headliner.

Zunächst einmal begann der Abend jedoch mit Ur, von denen ich leider nur noch das immerhin an sich schon ziemlich lange Finale des letzten Songs mitbekam. Konsequenter wallofsoundiger Doom, von dem ich gerne mehr gesehen hätte. Aber bei vier Bands muss man eben zeitig anfangen...

Die nächsten beiden Gruppen Sodium und Your Dying Truth spielen beide einen großenteils aggressiven, das harte Genre aber ab und zu auch mal ganz verlassenden Metal/Core-Mischmasch, der sich nicht groß darum kümmert, in welchem Stil er gerade daherkommt. Von Sodium ist mir besonders eine potthässlich giftgrüne Gitarre in Erinnernung geblieben, von YDT eher die LEDs am Bass.
Die Sänger beider Bands waren als Shouter ok, mir aber insgesamt zu limitiert. Ansonsten jedoch ordentliche Bands.

Schwierigkeiten mit dem Gesang haben einige Leute ja auch bei The Hirsch Effekt. Also nicht mit dem Schreien und Grunzen, sondern mit dem indierockigen Klargesang. Aber ich finde, dass man gerade live irgendwie schon kapiert, warum das so sein muss.

Und die Musik, dieser wahnwitzige Mathcore/Metal/Postrock/undhastenichtgesehn-Mix ist absolut over the top und wird mit beeindruckender Präzision vorgetragen.
Der Nachteil von einer LKW-Ladung von Effekten an den Saiteninstrumenten ist nur, dass man eine Weile brauchen kann, um das defekte Kabel zu finden. Dennoch haben die drei Hannoveraner die eine technische Panne im Set sehr sinnvoll überbrückt.

Anderseits hatte das Equipment-Nerdtum der Band wohl auch Anteil daran, dass der Sound von The Hirsch Effekt vielleicht der beste war, den ich bisher in der Meierei gehört habe. Und das bei in dieser Beziehung nicht gerade anspruchsloser Musik. Extrem gute Extremmusikgruppe!

Alles in allem ein rundum gelungenes Konzert - und das für nur 7 Euro Eintritt bei 4 guten bis hervorragenden Bands!







2013-11-14

JESU - Every Day I Get Closer To The Light From Which I Came

Wow, vierzehn Alben und/oder EPs aus neun Jahren Jesu sind es nun schon, die sich auf meinem Player tummeln. Der letzte stoffliche Tonträger war 2011 das Album "Ascension", doch seitdem habe ich meine Sammlung noch um "Christmas", "Duchess / Veiled", "Sundown / Sunrise" und "Pale Sketches" erweitert, die allesamt nur (noch) als Download zu haben sind. Besonders die beiden letztgenannten würde ich zum Fan-Pflichtprogramm zählen.

Doch nun zum aktuellen Output mit dem längsten Titel in der Jesu-Geschichte:



JESU - Every Day I Get Closer To The Light From Which I Came (2013)

Formal liegt Justin K. Broadricks neuester Streich mit fünf Tracks und einer Spielzeit von knapp über vierzig Minuten irgendwo zwischen seinen EPs und Alben.

Personell ist die Band mal wieder sehr überschaubar geraten, will sagen: der Meister hat alle Instrumente selbst eingespielt. Bis auf einen Track, doch dazu später...

Musikalisch steht nach Sekunden fest, welche Band man hört, und doch hat das Album wie alle seine Vorgänger eine ganz eigene Identität.

"Every Day" hat zwar ein paar Ausbrüche von saiteninstrumentalem Geranze, ist überwiegend jedoch ein relativ ruhiges, spielerisch anspruchsvolles, sehr feinfühliges, elegisch postrockendes Shoegaze-Album geworden. Leicht zu verdauen ist es deswegen allerdings nicht, da es sich gerade in den ruhigen Passagen extrem beim Stilmittel der kultivierten Dissonanz bedient. Da klingt alles leicht verstimmt, es leiert mitunter wie in einem defekten Kassettenrekorder. Und diese Effekte sind genau so dosiert, dass sie um den eigentlich schönen Kern der Songs herum ein hypnotisches Spannungsfeld bilden.

Tatsächlich ist das, was Herr Broadrick hier anstellt, ganz große, gereifte Klangkunst. Entsprechend avantgardeoffene Ohren vorausgesetzt natürlich.

Höhepunkt des Albums ist nach dem reduzierten Titelsong der über siebzehnminütige Longtrack "The Great Leveller", in dem - als einziger Gastmusikereinsatz - ein Ein-Mann-Streicherorchester die schiefschöne Melancholie von Jesu langsam und erhaben zu ihrer größten Blüte treibt.

Das kürzeste Stück "Grey Is The Colour" bleibt als Abschluss danach ein wenig blass. Aber das liegt vielleicht auch nur an der Farbe.

Mein Gesamturteil fällt ganz klar aus:
"Every Day I Get Closer To The Light From Which I Came" ist graues Gold!


Anspieltipps: The Great Leveller, Comforter

2013-11-12

DEATH, OBSCURA & DARKRISE live in Hamburg (11.11.2013)

"Wir sind Obscura und wir spielen Death Metal."

Das brachte das Motto des gestrigen Abends im hamburger Grünspan eigentlich ganz gut auf den Punkt.

Tatsächlich begann das Konzert schon sehr gut mit den schweizer Deathmetallern Darkrise. Dann folgten die in allen Belangen extrem von Death beeinflussten Deathmetaller Obscura mit einer beeindruckenden brutaltechnischmelodiösen Vorstellung.

Und dann als Headliner tatsächlich, leibhaftig Death!

Also mehr Death an einem Montagabend geht nicht.


Natürlich waren es ohne den 2001 verstorbenen Mastermind Chuck Schuldiner nicht die wirklich echten Death - aber doch eine der größtmöglichen Annäherungen.
Da Schuldiner die Besetzung seiner Band ja häufig rotieren ließ, gibt es eine ganze Menge ehemaliger Death-Studio- und Tourmitglieder. Mit einem ganzen Tross davon reiste bereits die Tribut-Band Death To All durch die Vereinigten Staaten. Da diese Tour jedoch einen Rechtsstreit mit zahlungsunwilligen Promotern (oder so ähnlich, habe keine Lust, das nochmal nachzurecherchieren) nach sich zog, ist den Machern die Lust auf diesen Namen vergangen, so dass die jetzigen Konzerte einfach unter dem Originalbandnamen firmieren.

"We are the Human form of Death."

Die Gruppe, die nun noch bis Ende November durch Europa tourt, ist personell etwas übersichtlicher und es handelt sich mit den beiden Cynic-Chefs Paul Masvidal und Sean Reinert, sowie Bassist Steve DiGiorgio - und somit um das Line-Up des "Human"-Albums von 1991.
Die Rolle von Chuck an Gitarre und Mikrofon übernimmt Max Phelps, ansonsten Tourmitglied von Cynic, die somit auch fast komplett auf der Bühne stehen.

Dass dieses Musikeraufgebot der Aufgabe gewachsen sein würde, war natürlich klar. Trotzdem hat mit gerade Phelps doch sehr positiv überrascht, war er mit seiner Stimme doch schon sehr nah am Original.
Steve DiGiorgio am Bass ist eine Macht für sich, wie er seine beiden Fretless-Bässe bearbeitet, von denen der eine sechs, der andere - mal ganz eigen - nur drei Saiten hat. Unzweifelhaft ein Urtyp mit unverwechselbarem Stil.
Reinert und Masvidal spielten brilliant wie immer, auch wenn der Gitarrist zeitweise mit technischen Problemen zu kämpfen hatte.

Überhaupt hakte es mit Sound und Technik manchmal etwas. Vielleicht müssen sich ein paar Dinge auch erst einspielen. War ja der erste Tag der Tour.
Zwischen den Liedern waren die Pausen manchmal etwas lang - aber das macht eigentlich nichts, wenn man bedenkt, wie es früher mit Chucks Stimm- und Beratungsorgien war. Wer Death z.B. wie ich 1998 in der Markthalle gesehen hat, weiß wovon ich spreche...   Dazu gab es zwischendurch noch eine Schuldiner-Slideshow.

Bei der Songauswahl wurde alle sieben Alben berücksichtigt. Ich habe Leute gehört, die mit der Setlist unzufrieden waren, aber es liegt wohl in der Natur der Sache, dass man es nicht allen Recht machen kann.
Wenn es nur nach mir gegangen wäre, hätten sie ja auch noch mehr vom letzten Album "The Sound Of Perseverance" gebracht.
Bei "Spirit Crusher" von eben diesem kamen dann übrigens mit dem Sänger/Gitarrist und Drummer von Obscura doch noch weitere Musiker auf die Bühne- und machten ihre Sache ausgesprochen gut.


Insgesamt war es ein sahne Konzert. Viel Death und Death und großartige Musik!

Auch wenn diese Tour sicherlich mit daran Schuld ist, dass das neue Cynic-Album erst im Februar erscheint - Vielen Dank dafür!

2013-11-09

EXIVIOUS - Liminal

Schade, dass ich das Crowdfunding für dieses Album verpasst habe. Da bekam man nämlich die Software, die extra für das Cover entwickelt wurde und konnte sich sein eigenes exklusives Poster erstellen. Aber man kann halt nicht alles haben...

Handsigniert ist mein Exemplar immerhin auch. Und ich habe noch nie ein CD-Artwork gesehen, in das sich Autogramme so nahtlos eingefügt hätten.


EXIVIOUS - Liminal (2013)

Eigentlich gilt für das zweite Album der vier Niederländer um die zwischenzeitlichen Cynic-Musiker Tymon Kruidenier und Robin Zielhorst so ziemlich alles, was ich schon über das selbstbetitelte Debütalbum geschrieben habe. Aber ich will ja nicht zu faul sein, deswegen formuliere ich es nochmal neu. Und ein paar Dinge haben sich ja doch leicht geändert...

Exivious sind eine Instrumentalband und stehen im Grunde in der Tradition großer Jazz/Fusion-Künstler der 70er wie Return To Forever oder Mahavishnu Orchestra, welche enorm spielfreudig verschiedenste Stile mit Leichtigkeit zu einem aufregendem Ganzen verschmolzen haben. Nur steht hier neben dem Jazz nicht der klassische Rock, sondern progressiver Death-Metal der Marke Death / Cynic / Pestilence (bei denen der neue Drummer Yuma van Eekelen vorher gespielt hat) Pate.

Im Vergleich zu Debüt gibt es noch einige Passagen mehr, bei denen Atmosphäre vor wildes Gefrickel geht, so ist z.B. "Movement" weitaus mehr schwebender Post-Rock als Jazz oder Metal.

Insgesamt ist "Liminal" eine bei aller Nerdigkeit doch sehr zugängliche und mitreißende Wundertüte, auf der man zu gleichen Teilen staunen und sich an zahlreichen Ohrwürmern erfreuen kann.

Besonderer Höhepunkt ist das phänomenale Gast-Saxophonsolo auf "Deeply Woven".

Schwächen kann ich mir beim schlechtesten Willen gar keine aus den Fingern saugen.

Ein phantastisches Album!



Anspieltipps: Deeply Woven, Entrust, Movement, Open

2013-11-08

DREAM THEATER - Live at Luna Park (6 Disc Deluxe Edition)

Etwas merkwürdiges Timing ist es schon, wenn einen Monat nach dem neuesten Album das Livevideo zur Tour zum zwei Jahre vorher erschienen Vorgängeralbum herauskommt.
Aber es ist halt wie es ist, ungeplante Verzögerungen bei Livealben sind ja nichts neues in der Musikwelt...

Hier ist es also, das multimediale Zeugnis der "Dramatic Tour Of Events":




DREAM THEATER - Live At Luna Park (Blu Ray/2DVD/3CD Deluxe Edition) (2013)

"Live at Luna Park" wurde gegen Ende einer langen Welttournee an zwei Abenden in Buenos Aires aufgezeichnet. Es ist das Material eines kompletten Konzertes zu sehen, sowie sechs der nur an einem der beiden Abenden gespielte Songs als Bonustracks. Da die Band während dieser Tour ja zum größten Teil bei jedem Auftritt die selben Lieder gespielt hat, ist diese Blu Ray mit 26 von insgesamt knapp 40 auf der Tour gespielten Stücken schon sehr repräsentativ.

Ich persönlich vermisse eigentlich nur "The Count Of Tuscany". Überhaupt hat es auch nach diesem Video noch kein Song von "Black Clouds & Silver Linings" auf eine offizielle Liveaufnahme geschafft, was wohl auch noch etwas damit zu tun hat, dass es sich dabei um das letzte Album mit Mike Portnoy handelt...

Dennoch ist die Setlist gelungen, und gerade zu diesem Zeitpunkt ist die Band natürlich phänomenal aufeinander abgestimmt. Das Zusammenspiel ist fantastisch, und die Bandchemie ganz offensichtlich ebenso.
Besonders hervorheben möchte in dieser Supermusikertruppe James LaBrie, dessen Gesang anscheinend einfach immer besser wird.
Und natürlich hat Drummer Mike Mangini sein Solo, bei dem er u.a. mal wieder zeigt, welches unfassbare Wirbeltempo  mit einer einzigen Hand möglich ist. Und allein sein monströses Kit ist eigentlich schon für sich eine Show. Auf der Fläche kann man in einem Club auch locker eine komplette Band unterbringen.

Das einzige, was mich an der Performance ein wenig stört, ist, dass mit John Petrucci nur ein Backgroundsänger vorhanden ist, so dass ein paar Gesänge als Konserve hinzugesteuert werden. Bei einigen Gruppen finde ich das ja normal, aber bei einer Band, die dermaßen davon lebt, eben alles tatsächlich live spielen zu können wie Dream Theater, da ist es irgendwie schon ein bisschen seltsam.

Die Filmaufnahmen sind tadellos. Die am Drumkit fest installierten Kameras fallen qualitativ zwar ein wenig gegeüber dem Rest ab, aber es wird ja auch seinen Grund haben, dass das nur ganz kleine Kästchen sind. Von daher geschenkt.
Der Sound ist im Großen und Ganzen ok, aber mit ein paar Abzügen in der B-Note. So ist die Gitarre gegenüber den Keyboards ziemlich dominant, das Publikum könnte während der Songs etwas lauter sein und ab und zu in ruhigen Passagen klingt das Gesangsmikro etwas hohl. Aber das ist halt live und nichts, was mir den Genuss verderben würde. Live halt.

Neben dem Konzert und den erwähnten Bonustracks gibt es noch ein bisschen Backstage-Dokumentation, den vor dem Konzert abgespielten Zeichentrick-Introfilm und exklusiv auf Blu Ray den Song "Outcry" mit freier Kamerawahl, wobei schön deutlich wird, was jeder Kameramann so für Fahrten zu absolvieren hat.


Wie heutzutage bei solchen Veröffentlichungen normal, gibt es von "Live at Luna Park" eine Fantastilliarde verschieden Versionen.

Ich habe mir das großformatige Fotobuch mit einer Blu Ray, 2 DVDs und 3 CDs besorgt, in erster Linie wegen der Audioaufnahmen, die man einfach häufiger nutzen kann als ein Video. Wie bei vielen solcher Packages im Filmbereich finde ich die DVDs eigentlich überflüssig, aber sie waren nunmal mit dabei.
Nachdem ich diese Edition vorbestellt hatte, kam zwar auch noch eine Variante nur mit Blu Ray und CDs heraus, die war jedoch teurer als diese, also habe ich's natürlich dabei belassen.


Das Fotobuch ist an sich eine schicke Sache, auch wenn ich nicht der Typ bin, der noch hysterisch ausflippt, wenn er Live- und Backstagefotos (plus einiger Grafiken der Bühnenshow und anderem Zeug) seiner Rockhelden sieht. Aber das Cover ist als Blickfänger schon nicht übel.

Schade nur, dass der Zustand nicht so ganz 1a ist. Die Halterungen für die Discs hinterlassen nämlich Abdrücke durch fast das gesamte Buch, der Postversand hat ein paar Ecken eingeknickt, und vor allem hat man es für den deutschen Markt wieder einmal geschafft, das Produkt zwar schön einzuschweißen, aber den kack FSK-Aufkleber trotzdem direkt aufs Cover zu kleben, von dem er selbstverständlich nicht rückstandsfrei entfernbar ist.

Das alles ist zum Glück nicht so schlimm, dass es einen sofort anspringt, somit für mich im Toleranzbereich und noch kein Reklamationsgrund - zumal das Buch für mich ja auch nicht der Kaufgrund war. Schade ist es trotzdem, da dies alles Dinge sind, die mit etwas Nachdenken und einen Millimeter mehr Mühe beim Verpacken zu vermeiden gewesen wären.

Aber was am Ende zählt, ist ja der Inhalt. Und der ist - wie man so sagt - leider geil.

Ein tolles Livevideo, welches mich in meinem Entschluss, mir Dream Theater nächstes Jahr nicht anzuschauen (nicht nochmal in dieser blöden Sporthalle in Hannover!) durchaus ein bisschen ins Wanken bringt.



Anspieltipps: Lost Not Forgotten, Metropolis Pt. 1, Outcry, The Silent Man, Drum Solo, The Spirit Carries On

2013-11-03

BELAIR X 6-12 JETSETTER - Das ungewünschte Wunderkind?

Ursprünglich wollte ich meinen Eindruck von dieser Kamera ja schon vor Monaten hier aufschreiben und so zusammen mit der La Sardina / La Sardina Belle Starr und der Diana F+ Tori Amos Edition meinen Lomography-Knipsen-Hattrick komplettieren.
Aber ich dachte mir, ich will vorher lieber noch ein paar Filme mehr mit ihr gefüllt haben... Und warum sich das dann ewig hinzog, wird spätestens mein in etwa zwei Monaten zu erwartender fotografischer Jahresrückblick erklären. ;)

Das Gute an diesem verspäteten Review ist allerdings, dass ich neben der Kamera selbst auch noch das Belairgon 114mm-Objektiv berücksichtigen kann, welches ich mir später dazu gekauft habe.

Also, das ist sie, die vor. ca. einem Jahr auf die Fotografenschaft losgelassene Lomography Belair X 6-12 Jetsetter Edition:



Sieht fein aus, nicht wahr?

Aussehen ist nur leider bekannterweise nicht alles. Schaut man in diverse Foren oder die dieser Kamera gewidmeten flickr-Gruppen, so muss man schnell annehmen, dass es sich bei ihr um den größten kommerziellen Flop der Lomography-Shop-Geschichte handeln muss.

Tatsächlich kann ich sehr gut nachvollziehen, warum dies so ist. Das zentrale Problem der Belair (egal in welcher Edition) ist einfach, dass sie von Anfang an den Bedürfnissen vorbei entwickelt wurde.

Das Kaufargument für über 90 Prozent derjenigen, die es mit ihr probiert haben, ist zweifellos das Format. Eine (dazu noch ziemlich schick aussehende) Balgenkamera für Mittelformat, mit der man wahlweise in den Formaten 6x6, 6x9 und vor allem 6x12 cm fotografieren kann - davon kann man doch schon mal träumen.

Die beiden Eigenschaften Balgenkamera und Panoramaformat erzeugen jedoch - meiner Meinung nach zurecht - gewisse Erwartungen, die einfach derbe enttäuscht wurden.

So habe ich z.B. bei dem happigen Preis durchaus gehofft, dass das Innenleben der Balgenkamera dem jener klassischen Vertreter ihrer Art, die man für maximal 10 Euro hinterhergeschmissen bekommt, zumindest ebenbürtig ist. Das heißt, man nimmt für die Rollenhalterung gefälligst mal vernünftiges Metall statt Plastik, von dem man jedes Mal beim Filmwechsel Angst hat, dass es abbrechen könnte. Habt ihr Entwickler noch nie eine Adox Golf oder diverse Boxkameras von innen gesehen? Die funktionieren auch nach mehr als einem halben Jahrhundert noch und man muss sich nicht ständig mit dem Fat-Roll-Syndrom (die Krankheit aller Lomo-Mittelformatknipsen) herumschlagen.

Noch beschissener und angstschweißtreibender ist es, die Masken für die verschiedenen Formate zu tauschen. Das geht erwiesenermaßen selbst mit Kunststoff besser!

Und als Krönung ganz ganz schwach ist das kleine Plastik-Nübbelchen, welches bei eingefahrener Optik den Balgen im Zaum halten soll. Tatsächlich hatte ich persönlich Glück und das Linsenstück rastete immer sicher ein. Zumindest mit den leichten mitgelieferten Wechselobjektiven. Schließe ich allerdings das Belairgon an, zieht dessen Gewicht den Balgen irgendwann nach draußen. Auch hier hätte man einfach mal schauen können, wie es früher zuverlässig funktioniert hat.

Und damit wäre ich auch schon bei den Objektiven. Mitgeliefert werden eine 58mm- und eine 90mm-Linse, beide - natürlich - aus Plastik. Klar, das ist Lomography, aber beim Panoramaformat kommt vielen Knipsern natürlich bombastische Landschaftsfotografie in den Sinn - wofür diesen Linsen einfach die Tiefenschärfe fehlt.
Wobei ich persönlich den beiden Teilen durchaus etwas abgewinnen kann (sonst hätte ich die Kamera ja wohl auch kaum behalten), aber man muss schon wissen, wie man mit ihnen umzugehen hat, und dass sich mit ihnen statt scharfer Bergpanoramen eben doch eher nähere Motive anbieten.

Ein weiterer Punkt, über den sich wahrscheinlich weniger Leute wirklich ärgern, der aber unnötig den Preis in die Höhe drückt, ist die automatische Belichtungsfunktion, mit der sich der Hersteller besonders rühmt. Denn zunächst einmal bedeutet das zwei Batterien, die man extra braucht. Aber vor allem benötigt die einfach kein Mensch!

Wer als Kameraspielkind an Lomo-Zeug und an antike Kameras gewöhnt ist, der hat für gewöhnlich auch ein einigermaßen geeichtes Belichtungspopometer bzw. einen externen Beli dabei. Aber Automatik an einer Balgenkamera? Hat wirklich jemand darauf gewartet?
Ich kann natürlich auch die Batterien rausnehmen bzw. den Bulbmodus benutzen, aber wir wissen ja, das man damit leicht verwackelt (es sei denn man benutzt ein Stativ). Noch dazu ist der Auslöser relativ grob (Gefahr des leichten Horizont-Verreißens) und hat - warum zum Teufel? - keinen Anschluss für einen Kabelauslöser.


Nach so viel Negativkritik mag man sich fragen, warum ich das Teil überhaupt behalten habe.

Naja, das  Format-Argument und das schicke Aussehen (zumindest der außen mit Metall verarbeiteten  Jetsetter Edition) wiegen eben sehr sehr schwer.
Und vor allem gefielen mir zu viele meiner Bilder einfach zu gut und ich will verdammt nochmal mehr davon machen.

Von den beiden Kit-Objektiven ziehe ich eindeutig das 90mm vor, dessen Winkel mir meistens schon weit genug ist, und mit dem ich persönlich mir etwas flexibler vorkomme.

Seit ich zusätzlich das Belairgon 114mm - eine "echte" schwere russische Glasscherbe von Zenit - besitze, hat sich die Präferenz natürlich noch einmal verschoben. Denn diese Linse taugt wirlich etwas und hebt die Bildqualität sichtlich auf ein deutlich höheres Niveau.

Belair mit Belairgon 114mm
 
Doch auch an diesem eigentlich spitzenmäßigem Extra gibt es wieder eine unnötige Nachlässigkeit auszusetzen.

Zusammen mit den Wechselobjektiven tauscht man nämlich auch den Sucher aus. Die Sucher der Kit-Objektive haben Markierungen für die unterschiedlichen Bildformate. Der Sucher vom überlegen Russenobjektiv hat diese nicht. Hä?


Tja, glaubt mir nach dem vielen Gemecker noch jemand, dass ich die Knipse unterm Strich trotzdem mag?
Ehe sie den Kaufpreis gerechtfertigt hat, muss ich allerdings noch so einige Rollen durchjagen. Aber das kommt schon - wenn die bemängelten Teile durchhalten, heißt das natürlich.

Der Gurt auf dem Foto stammt übrigens von einer Kiev 88, es ist also keiner dabei. Aber die Halterungen dafür sind in Ordnung.


Als Fazit sei gesagt, dass die Belair eine sehr spezielle Kamera ist, bei der es - vor allem wegen der offensichtlich Unzulänglichkeiten und Konzeptionsschwächen - schon zwischen Fotograf und Spielzeug funken sollte. Wer die Möglichkeit hat, sie vor dem Kauf anzutesten, der sollte dies auf jeden Fall tun.


Und nun ein paar Beispiel-Fotos!

Mit dem 58mm- und 90mm-Objektiv aufgenommen:







Belairgon 114mm:






MOTORPSYCHO - Still Life With Eggplant

Schlaft ihr auch mal da oben in Norwegen?

Das möchte man angesichts des Veröffentlichungstempos von Motorpsycho schon fragen. Nur wenige Monate nach dem unfassbaren "The Death Defying Unicorn"-Konzept-Rock/Jazz/Klassik-Überwerk erscheint tatsächlich schon das nächste Album?

Das Geheimnis ist einfach, dass sich das Trio bei der überaus anspruchsvollen Kooperation mit Ståle Storløkken zwischendurch mal ein wenig locker machen musste und so parallel auch eine Handvoll regulärer Motorpsycho-Songs entstanden, die dann auf diesem dreiviertelstündigen Silberling mit dem abermals bekloppten Titel "Stillleben mit Aubergine" gelandet sind.



MOTORPSYCHO - Still Life With Eggplant (2013)

Das erste Riff des Openers "Hell, Part 1-3" ist noch lupenreiner Stonerrock. 

Doch schon sehr bald entfaltet sich wieder die komplette musikalische Bandbreite, in der mit der Leichtigkeit von Fusionlegenden wie Weather Report klassischer Powertrio-Sound der Marke Led Zeppelin mit progressivem Psychedelic Rock, lässigem Jazz, der Melodiösität von Beach Boys und Beatles und Restspuren von Metal und dem Mut zum großen Gesangspathos vermengt werden.

Eigentlich gilt alles, was man generell zum letzten "normalen" Album "Heavy Metal Fruit" sagen konnte, auch für "Still Life With Eggplant". Das Album haut in diesselbe Kerbe. Mit "Ratcatcher" ist sogar wieder ein epischer Longtrack dabei.
Allerdings sind die Gastmusikerbeiträge diesmal etwas unauffälliger, vielleicht um das Ganze gerade nach der vorangegangenen mit Bläsern, Streichern und hastenichtgesehen vollgepackten Rockoper etwas geerdeter wirken zu lassen.

"Still Life" ist wieder einmal ein dynamisches, mitreißendes, vor Ideen überschäumendes  Stück Rock'n'Roll, wie es in dieser scheinbar mühelosen Lockerheit und Coolness wohl nur Motorpsycho mal eben so raushauen können.

Ich könnte zwar gerne noch ein, zwei Songs mehr vertragen, aber wenn man bedenkt, dass das Ding ja großenteils quasi nebenbei komponiert wurde, dann ist die Laufzeit schon ok.

Darauf einen Auberginensaft! Skål!


Anspieltipps: August, Ratcatcher, Hell Part 1-3

2013-11-02

TREPONEM PAL - Survival Sounds

Eigentlich schreibe ich hier ja nur etwas zu Scheiben aus dem aktuellen Jahr, ansonsten wird mir das nämlich doch ein bisschen zu viel. Manchmal hat aber auch ein unwesentlich älteres Album eine Ausnahme verdient.
Zum Beispiel wenn es von zu Unrecht viel zu unbekannten Künstlern kommt.

Die einfachste Weise, die 1986 gegründte Band Treponem Pal zu beschreiben wäre wohl, sie einfach als die französischen Ministry zu bezeichnen, was auch vom Zeitpunkt der größten Erfolge Anfang bis Mitte der Neunziger Jahre passen würde. Auch dass mit dem Riesen Marco Neves ein charismatischer Frontmann als Mastermind im Zentrum steht, passt in den Vergleich.

Ein Ministry-Klon war die Band allerdings nie, eher ein verwandter Geist. Fügt man zu gleichen Teilen noch die monumentale Macht der Swans und die schräge Gitarrenvirtuosität von Voivod hinzu, kommt man dem Sound der frühen Treponem Pal schon eher nah.
Auf "Excess & Overdrive" gesellte sich 1993 dann schon so etwas wie eine bekifft groovende Lässigkeit dazu, die den nach wie vor brutalen Grundklang geschickt konterkarierte.

Auf dem 1997 erschienenen, vorerst letzten Werk der Gruppe "Higher" änderte sich der Sound dann allerdings radikal, dominierte statt harten Industrial-Metal-Rhythmen doch über weite Strecken nun eine unwiderstehlich pumpende Bassdrum. Der Coversong "Funky Town" war programmatisch, viel Funk und Elektronik, selbst vor Reggae schreckten die Franzosen nicht zurück. Doch vor allem Dank der unverwechselbaren angegurgelten Shout-Stimme des Sängers und der charakteristischen Leadgitarren bestand nie Zweifel, um welche Band es sich handelte. Tatsächlich ist "Higher" für mich ein absoluter Alltime-Klassiker.

Das Reunions-Werk von 2008 habe ich verpasst. Und nach kurzem Reinhören in ein paar anscheinend erschreckend uninspirierte Metalrock-Tracks mit peinlichen Texten, möchte ich auch nichts nachholen.

Bis zum vergangenen Jahr sind sie aber zum Glück wieder warm geworden...
  


TREPONEM PAL - Survival Sounds (2012)

Falls sich die Band für "Survival Sounds" an ihren alten Taten orientiert hat, dann standen hier wohl sowohl die harten Midtempo-Grooves und Powerriffs von "Excess & Overdrive" und die abgründigen Kantigkeiten von "Aggravation" Pate, als auch die Elektroklänge und postiven Vibes von "Higher".

Der Refrain des Titelsongs macht diesen Mix mit der einfachen, aber durch seine gewohnt kraftvoll charismatische Darbietung effektiven Parole "All the freedom fighters are beautiful. All the freedom fighters are strong." schon von Beginn an zum Programm.

Viele Songtitel sind sprechend, so zeigen "Riot Dance", vor allem aber das großartige Doppel aus "Lowman Blues" und dem grenzgenialen "Drunk Waltz" tatsächlich auch die musikalische Richtung an. Wobei ein Treponam Pal-Blues natürlich ganz und gar nicht von der Blues-Polizei als sortenrein zugelassen würde.

"Survival Sounds" ist ein homogenes, geradeliniges Album mit eindeutigen Wurzeln im Industrial Metal und jeder Menge Drive. Nicht kompliziert, aber dafür sehr detailreich und voller unterschiedlichster Einflüsse und somit insgesamt wohl eigenständiger denn je. Treponem Pal sind one of a kind und verdienen schon dafür ein vielfaches ihrer jetzigen Aufmerksamkeit außerhalb ihres Heimatlandes.

Aus jetziger Sicht sind die "Survival Sounds" ganz klar eines meiner Lieblingsalben von 2012 und auch einer meiner aktuellen Favoriten des Meta-Genres "Autofahrmusik".
Leider ist die CD soweit ich weiß nur als Import zu haben, aber die paar französischen Euros Aufpreis sind formidable angelegt!


Anspieltipps: Subliminal Life, Survival Sounds, Drunk Waltz, Lowman Blues