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2013-10-30

SWANS - Not Here / Not Now

Heute überraschte mich der Postbote mit einem Kugelschreiber. Ein nach CD ausschauender Brief aus Übersee per Einschreiben?

Ach, da war ja was... und zwar hatte ich mich am Crowdfunding für das neue, noch unbetitelte Swans-Album beteiligt, welches zur Zeit gerade aufgenommen wird. Also im Grunde habe ich den Nachfolger von "The Seer" mit vorfinanziert / vorbestellt und dafür als Belohnung schon jetzt diese exklusive Doppel-CD mit handgestempeltem / bemaltem / signiertem Coverartwork bekommen. Ein echtes Unikat also.

Aber ich habe hier natürlich nicht in Kunst als Kapitalanlage investiert, sondern möchte vor allem mächtige neue Swans-Musik hören. Und davon gibt es fast zwei volle fette Stunden...

Nr. 652 / 2000

SWANS - Not Here / Not Now (2013)

Michael Gira gehört nicht zu jenen Künstlern, die auf ihren Livekonzerten bequem zurücklehnen und ihre großen Hits von vor zwanzig Jahren verwalten.
Nein, das komplette Gegenteil ist der Fall. Ich hatte es ja selbst letztes Jahr im Kampnagel, Hamburg erlebt: Die Klassiker sind bei den Swans Vergangenheit und bleiben ungespielt. Das jeweils aktuelle Album ist vertreten, kann sich aber erheblich vom Studiomaterial unterscheiden. Der Schwerpunkt liegt allerdings auf neuen Klangungetümen, die sich während der Tour von Show zu Probe zu Show mal geplant, mal spontan ändern, und erst im Studio zu ihrer endgültigen (?) Form reifen. Und dann beginnt das Spiel von vorne.

Jedes Swans-Konzert ist also anders und kann Songs, Fragmente und Kaskaden enthalten, die es in dieser Form nie wieder zu hören gibt.
"Not Here / Not Now" ist sozusagen eine Momentaufnahme auf dem Weg zum neuen Album. Die erste CD ist ein in Barcelona mitgeschnittenes, reines Live-Album, welches auf der zweiten CD mit einem dreiviertelstündigem, übermächtigen, alles regierenden Medleytrack fortgesetzt wird. Es folgt mit "Nathalie Neal" eine Konzertaufnahme aus Melbourne.
Bis dahin haben natürlich katharsischer Krach, brutal hypnotische Grooves / Anti-Grooves und was dieses faszinierende Dezibelmonster Swans sonst live so ausmacht, geherrscht.

Für die letzten beiden Stücke wird es dann aber ganz still und privat. Das charismatische und durchaus auch etwas selbstironische Meisterhirn Michael Gira sitzt alleine mit seiner Gitarre bei sich Zuhause und zeigt uns bei leicht übersteuertem Mikrofon - und während es draußen lautstark regnet - ein paar Liedansätze, die sich bis zum Album natürlich noch ganz anders entwickeln können... sehr low-fi, aber es funktioniert und unterhält erstaunlich gut.

Die Klangqualität der Konzertaufnahmen ist hingegen hervorragend. Und was für Soundmauern und Stimmungen die Band fabriziert ist ohnehin durchgehend erste Sahne. Als Livealbum ist "Not Here / Not Now" mindestens so gut wie "We Rose From Your Bed With The Sun In Our Head", wenn nicht sogar noch besser. Da kann ich mich allerdings nach jetzt knapp zwei Durchläufen noch nicht festlegen. Auf jeden Fall jedoch ist und bleibt diese Band laut, genial und in ihrer Sparte einzigartig und unerreicht.

"Not Here / Not Now" ist eine mächtiges, brilliantes Zeugnis des Swans-Schaffens und für mich zudem eine tolle Erinnerung an das Hamburg-Konzert vor fast einem Jahr, sowieso ein Quell ekstatischer Vorfreude auf das nächste Studiowerk. Meine Funding-Dollars sind definitiv in sicheren Händen.

Und für das liebevolle Do-It-Yourself-Cover muss ich mich wohl noch nach einem Ehrenplatz umsehen.
   

Anspieltipps: The Seer / Bring The Sun / Toussaint L'ouverture, Kirstin Supine (Demo), She Loves Us!

2013-10-24

THE DILLINGER ESCAPE PLAN, MAYBESHEWILL & THE HIRSCH EFFEKT live in Hamburg (23.10.2013)

Was für ein Konzert gestern im Knust!

The Dillinger Escape Plan schauten mit ihrem aktuellen Album "One Of Us Is The Killer" im Gepäck in Hamburg vorbei und hatten auch noch ein paar tolle Vorbands dabei.

Den Anfang machte das Trio The Hirsch Effekt, welches den Headliner in einer Ansage als beste Band des Universums ankündigte. Und dass DEP ein wichtiger Einfluss sein müssen, war angesichts des wilden, energiegeladenen Stilmixes auch leicht zu erkennen. Ein Klon ist die Band allerdings nicht, wofür u.a. die deutschsprachigen Indierock-Einflüsse sorgen.
Wir waren zu dritt auf dem Konzert, und um dem Zuspätkommer unserer Gruppe The Hirsch Effekt zu beschreiben, habe ich sie einfach als Kreuzung aus DEP und - Achtung, jetzt kommt's - Sportfreunde Stiller beschrieben. Mein Bruder hat dies später direkt an die Band weitergeleitet. Die haben diesen vergleich bisher noch nie gehört, hehe...   Wie auch immer - gute Band, aber doof zu beschreiben. Empfehlenswert!

Es folgten Maybeshewill, deren Texte weder deutsch noch englisch sind, da sie rein instrumentalen Post-Rock spielen. Die Stücke haben ihre verknoteten Schepperpassagen, sind zum großen Teil aber eher straight und setzen auf hypnotische Vielschichtigkeit. Bisweilen durchaus noch ausbaufähig gefiel mir der Auftritt insgesamt doch sehr gut. Könnte man beim Roadburn Festival (welches ich nächstes jahr übrigens wieder besuche - yay!) schon auf eine Nebenbühne stellen.

Bei The Dillinger Escape Plan rieselte dann mächtig der Putz von den Wänden.
Zappelphilippaction deluxe bei vollkommen irrer Geschwindigkeit unter beklopptem Stroboskopgewitter, welches zusammen mit der restlichen Epileptikerlightshow und zwei kleinen Videowalls zur absoluten Reizüberflutung beitrug. Wie vollkommen over the top die Musik von DEP in ihrer ganzen Brutalität und Komplexität ist, und wie unfassbar es ist, dieses Zeug so präzise in den Mob zu prügeln, das kann man gar nicht genug betonen.
The Dillinger Escape Plan gehört auf jeden Fall zu jenen Bands, nach denen man sein Leben in zwei Hälften teilen könnte (vor dem ersten Konzert / danach). Sehr beeindruckend!
Songs muss man zum Livegenuss nicht zwingend kennen, aber es hilft, weswegen ich auch froh war, dass die mir bekannten Scheiben "One Of Us Is The Killer" und "Ire Works" gut im Set vertreten waren. Und die Zugabe "Come To Daddy" von Aphex Twin war natürlich auch ein Knaller.
Actionhöhepunkt des Auftritts war, als der ohnehin ständig auf allen möglichen Boxen rumspringende Gitarrist sich plötzlich an die mit Stahlseilen an der Decke befestigte PA schwang (welche in Folge noch mehrere Songs brauchte, um wieder ganz still zu hängen), um so mit den Füßen auf das Treppengeländer zur Empore zu kommen, auf dieser ein paar Schritte hochzulaufen und sich auf halber Strecke über den Köpfen des Publikums auf einer Traverse einzunisten. Das sah einigermaßen spektakulär aus, war für den Kerl aber vermutlich nur eine leichte Fingerübung, wenn man diversen Livefotos und Videos mal glauben schenken mag...

Geniales Konzert, super Bandpackage, Sound durchweg gut, Eintrittspreis moderat - mehr kann man nicht verlangen. Gerne wieder auf der nächsten Tour!

2013-10-21

THE DILLINGER ESCAPE PLAN - One Of Us Is The Killer

Einer von uns ist das Spielkind!

Warum zum Dillinger hatte ich noch nie vorher eine CD mit Cover zum Freirubbeln? Das ist sooo toll!
Zumindest bis zu dem Punkt, an dem lauter kleine graue Fetzen von der Rubbelschicht übrig sind und das Geschabe nur noch nervt. Aber nachdem man die allerletzten Reste mit dem Daumen abgeschmiert hat, erstrahlt das Cover in seiner ganzen poetisch bunten Kraft und es hat sich irgendwie doch gelohnt.

Man kann sich das ganze Theater allerdings auch sparen und die CD einfach so aus dem Schuber holen. Das halte ich persönlich aber für geschummelt.


Oder man besorgt sich halt die normale Version von "One Of Us Is The Killer", verzichtet damit aber auch auf zwei Bonustracks. Womit wir dann aber auch schon bei der Musik wären...



THE DILLINGER ESCAPE PLAN - One Of Us Is The Killer (Special Limited Edition) (2013)

Per Definition spielt das 1997 gegründete US-Quintett ja Mathcore. Diesen Stil muss man sich in der Theorie so vorstellen, wie wenn man in einem Free Fall Tower parallel die Grundlagen der Relativitätstheorie und das Telefonbuch von Tokio paukt, während der Sitznachbar einem in die Fresse haut und man von einer Tennisballwurfmaschine mit Backsteinen beschossen wird.

In der Praxis auf "One Of Us Is The Killer" trifft das alles zwar auch irgendwie zu, doch da ist noch viel mehr. Denn abgesehen von ein paar Überschallpassagen und dem Kopfrechner "CH 375 268 277 ARS" regiert hier nicht nur der tollwütige Physikprofessor. Bei allem Irrwitz bleibt es (für Hörer mit entsprechend hartwurstiger musikalischer Sozialisation natürlich) erstaunlich zugänglich, was zum einen daran liegt, dass alle hier vertonten Weltformeln einen nicht in Ehrfurcht erstarren lassen, sondern stets schön brutal abgehen und zum Nackenschütteln einladen. Und zum anderen stecken doch enorm viele - bisweilen sogar regelrecht poppige - Ohrwürmer auf diesem Album, wofür besonders der mühelos zwischen extremem Aggrogeschrei und sanftem Falsett pendelnde Sänger Greg Puciato einen großen Teil der Verantwortung trägt.

Von der musikalischen Diversität her finde ich bei diesem Härtegrad das letzte Werk "Utilitarian" von Napalm Death vergleichbar, auch wenn das stilistisch eine andere Baustelle ist.
Wer allerdings sowohl auf Barney & Co. als auch auf die härteren Sachen von Faith No More bzw. die unzähligen abgründigen Projekte von Mike Patton (z.B. Fantomas) steht, für den sind The Dillinger Escape Plan genau das richtige!
Und der im Vergleich zum restlichen Album zwar schon fast konventionelle, hitverdächtige Titelsong taugt mit seinen Melodien sogar, um sich zu trösten, dass es The Mars Volta nicht mehr gibt.
Bei Abspielen nach Zeitpunkt des Hinzufügens hatte ich dieses Album übrigens neulich auf meinem Player in direkter Nachbarschaft zu Voltas "Deloused In The Comatorium" und das ergänzte sich ganz wunderbar.


Als Bonustracks der Special Edition gibt es obendrauf einen gelungenen Remix des Titeltracks, sowie eine Demoversion von "Nothing's Funny", die dem Album allerdings nichts essentielles mehr hinzufügt.

"One Of Us Is The Killer" ist ganz gewaltiges Handgranatentennis, eine dynamische, jazzig fluffige bis verstörend brutale, technisch brilliante Scheibe, die einen in dieser Form wohl keine andere Band kredenzen könnte. Ein Meisterwerk der extremen Moderne.


Anspieltipps: One Of Us Is The Killer, Paranoia Shields, When I Lost My Bet, Nothing's Funny, One Of Us Is The Killer (Easy Girl Remix)

2013-10-14

DIE ÄRZTE - Die Nacht der Dämonen LIVE

Huuuuuuuuuuuuhhh........

Gruselig.

Aber egal, ich trau mich jetzt trotzdem ein paar Worte zum dämooohohoonischen neuen Livevideo von Die Ärzte zu schreiben. Unter den zehn Zwanzigstellionen Versionen habe ich mich für die Bluuuuhhuuuu Ray Deluxe Edition entschieden.


DIE ÄRZTE - Die Nacht der Dämonen LIVE (Blu Ray Deluxe Edition) (2013)

Diese Box enthält eigentlich für jeden etwas:
  • für Epileptiker ein aus zwei Shows in Berlin und einer in Frankfurt mit vielen schnellen Schnitten und Splitscreens zusammengebasteltes Konzert der Besten Band der Welt auf Blu Ray
  • für Rentner eines der Berlin-Konzerte mit herkömmlicherer Bildregie
  • für Blinde der komplette Spaß in mp3-Form auf einem USB-Stick
  • für Mädchen den Bonustrack "WAMMW" vom sagenumwoben sensiblen XX-Konzert
  • für Jungs eine explosive Version von "Omaboy" vom testosterondurchtränkten XY-Konzert
  • für Musikhistoriker verblüffendes Material von hinter den Kulissen
  • für Literaten ein paar Postkarten
  • für Leseratten ein dickes Booklet mit den Texten aller 47(!) Songs, in der Form wie Sie live gesungen wurden (vgl. auch Die Fantastischen Vier - "Unplugged II")
  • für Gitarristen zwei Plektren
  • für Drummer ein halber Drumstick (Hey, ist da nicht irgendwas ungerecht?)
  • für Trinker ein Flaschenöffner am Ende dieses Drumsticks
  • für VIP-Hochstapler ein Halsband mit wichtig wirkendem Ausweis
Musik wisst ihr ja: Knallharter Dubstep bis Ambient Noise, todernst und ohne die geringste Interaktion mit dem Publikum. Aber dafür lieben wir sie ja.

Die Setlist ist ähnlich wie auf den Ärztivals im August, aber noch etwas umfangreicher.
In Bremen gab es deutlich mehr Titten, aber das ist ok, für blanke Brüste gibt es ja auch extra dieses Internet.

Insgesamt ein tolles Ding, nur Farin Urlaubs Gitarrenanlage hätte konsequenterweise noch ein, zweimal mehr ausfallen können.

Anspieltipps: Cpt. Metal, Sohn der Leere, Junge, Omaboy, TCR / Westerland, Tittenmaus, Fiasko, Rebell, Anti-Zombie, Wir sind die Besten, Punkbabies

2013-10-11

DREAM THEATER - Dream Theater

Klar, nach 4 x Mike Portnoy (The Winery Dogs Album und live, Neal Morse und PSMS) sowie der aktuellen Soloscheibe von James LaBrie muss in meinem Rezensionsreigen jetzt natürlich der selbstbetitelte Kreativauswurf von James' Haupt- und Mikes Ex-Band folgen:



DREAM THEATER - Dream Theater (Deluxe Edition) (2013)

Nein, die Herren Petrucci, Rudess, Myung, Mangini und LaBrie haben es mir diesmal nicht leicht gemacht.

Zunächst einmal ist da der Verzicht auf einen Albumtitel, der angesichts der wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit anhaltenden "Where is MP?"-Heulerei natürlich auch als psychologisches Muskelspiel gesehen werden muss: Jetzt, nach elf Studioalben machen wir ohne den Ex unser ultimatives Album, welches keine weitere Erklärung braucht.
Das finde ich schon ballsy und nachvollziehbar, aber die dadurch generierte Erwartungshaltung kann bei einem derart mächtigen Backkatalog zunächst einmal nur enttäuscht werden.
So geschah es dann auch bei den beiden vorab veröffentlichten Stücken "The Enemy Inside" (geil, aber sooo geil wie erhofft?) und "Along For The Ride" (ach, schon wieder so eine Petrucci-Ballade).

Dazu ein Cover, das mich in der Vorschau irgendwie an eine Anzeige für Autos höherer Preisklasse erinnerte.

Als ich das Ding dann allerdings real in den Fingern hielt, wirkte das Artwork zum Glück u.a. durch den Prägedruck doch wie ein edles, minimalistisches Albumcover. Im All mit der Erde im Hintergrund befinden wir uns quasi eine Stufe höher als auf dem Titelbild des Vorgängeralbums "A Dramatic Turn Of Events". Ob diese Beobachtung wohl auf die Musik übertragbar ist?
So reduziert das Cover, so detailreich präsentiert sich das Innenartwork, welches in einigen Bildern sehr deutlich das Kino-Motiv behandelt, welchem der Bandname ja bekanntlich zugrunde liegt. Optisch gewinnt die Selbstbetitelung des Albums so schon sehr an Sinn. Wie sieht es hier musikalisch aus?


Bevor ich diese Fragen für mich beantworten konnte, hat es ein paar zunächst skeptische Durchläufe gebraucht, um mich auf "Dream Theater" überhaupt erstmal zu orientieren.
Inzwischen - soviel sei schon verraten - gefällt mir das gesamte Werk von vorne bis hinten. Und es wächst und wächst weiter bei jedem Hören.

Tatsächlich knüpft die Scheibe so ziemlich in jeder Beziehung an den Vorgänger an, setzt aber durchaus noch einige Sahnetupfer obendrauf.
So ist der stilistische Mix ähnlich ausgewogen angelegt, fühlt sich aber noch etwas flüssiger an. Die Emphase liegt dabei auf den Melodien, auf John Petruccis Leadgitarre, Jordan Ruddess' Klavier- und Orchestersounds, James LaBries Stimme.
Die Frickelei wird dabei nicht vernachlässigt, ordnet sich aber stets dem Song unter. Auf den Alben von "Six Degrees Of Inner Turbulence" bis "Black Clouds & Silver Linings" gab es ja  doch immer wieder diese aneinandergerifften Achterbahn-Angeberpassagen in den Longtracks, die mir bei aller Bewunderung oft ein wenig beliebig und unwesentlich für den Song vorkamen.
Hier dienen sie hingegen meistens als Grundlage für Soli und fügen sich perfekt in die Stücke ein.

Ebenfalls perfekt in den Gesamtsound eingefügt hat sich erneut Mike Mangini. Für manche Hörer vielleicht zu perfekt, da sich viele technische Feinheiten und Hexereien seines Spiels erst nach mehrmaligem Hören eröffnen und man sich zunächst fragt, wo der große Wahnsinn, der uns beim ersten Album, an dem er auch mitkomponiert hat, in Interviews versprochen wurde, denn bleibt.
Portnoys Stil (zumindest bei Dream Theater) war ja immer sehr dominant, hat die Band aber auch oft ein wenig in ein Korsett geschnürt.

Mangini hingegen drängt sich dem Hörer trotz Vorsprung in Technik und Tempo weniger auf, weil er dabei einfach noch mehr mit dem restlichen Instrumentarium verschmilzt. Die Rhythmussektion aus Drums und Bass ist in dieser Phase der Bandgeschichte so gleichberechtigt wie nie zuvor. John Myung ist auf "Dream Theater" wieder hervorragend produziert und hat zahlreiche Spotlights. Keine "Metropolis"-Soli, aber viel rhythmisches und röhrendes Powerplay mit überraschend mächtigem Wumms, welches einige der auffälligsten Momente des Albums markiert.


"Dream Theater" beginnt gleich sehr bombastisch und breitwandig mit der instrumentalen "False Awakening Suite", welche es trotz drei Teilen tatsächlich nur auf unter drei Minuten Spielzeit bringt. Sie ist allerdings auch nicht nur als Albumauftakt, sondern ebenso als Aufmarschmusik für zukünftige Touren konzipiert. Und acht Minuten Konserve, bevor die Band endlich auf die Bühne kommt, würde natürlich schon an Fan-Quälerei grenzen.

Die nachfolgenden sieben Tracks sind ebenfalls allesamt mit 4:45 bis 6:52 Minuten für DT-Verhältnisse relativ kurz gehalten, und es steht ihnen ausgesprochen gut, da so wirklich keine Längen auftreten.
Mit dem vierten Stück "Enigma Machine" ist ein weiteres Instrumentalstück vertreten. Schön, dass diese alte Tradition wieder aufgegriffen wurde, denn diese Maschine hört sich sehr frisch an und gefällt mir außerordentlich gut.
Nach drei weiteren sehr epischen, sich zu immer höhrer Klasse steigernden Stücken folgt die von mir eingangs leicht gescholtene Ballade "Along For The Ride", die ich im Zusammenhang nun schätzen gelernt habe. Außerdem ist das von der Soundauswahl mutig herausstechende Keyboardsolo ein ganz wunderbarer Farbtupfer.

Der größte Auftritt von Jordan Rudess folgt allerdings erst im letzten Song, der über zwanzigminütigen "Illumination Theory". Mittendrin schrumpft dieser Progmetalkracher nämlich plötzlich zusammen und erhebt sich minutenlang als lupenreiner, ergreifender Filmscore aus Keyboards und Streicherensemble. Also wirklich original als säße man gerade in einem Blockbuster! Und was danach erst passiert, wenn die ganze Band zurückkehr, vor allem der Gesang... wow!
Der Song endet ungewöhnlich mit einer sehr langen Pause, nach der ein klaviergetragenes Thema einsetzt, welches auch gut auf das diesjährige Solowerk von Steven Wilson gepasst hätte.
Auf den meisten anderen Tonträgern hätte ich dies wohl als "Hidden Track" gewertet, doch hier gehört es für mich als Abspann und Einrahmung des Albums unbedingt dazu.


Eine beeindruckende Demonstration von allem was Dream Theater songwriterisch und technisch draufhaben ist vorbei und man kann nur mit den Klischeeworten "ganz großes Kino" schließen.
Es ist allerdings keine hintersinnfreie Actionschlacht, sondern muss sich vom Hörer evtl. schon ein wenig erarbeitet werden. Und das lohnt sich!


Die Deluxe Edition enthält das ganze Album noch einmal auf DVD im 5.1-Surround-Mix, falls Stereo einen mal langweilen sollte. Auch sehr schön!

Und weitere Extras...  hrrmmppff....  ich möchte mich ja nicht noch einmal so über Online-Bonuscontent echauffieren, wie es im Review zum letzten Studioalbum von Iron Maiden getan habe.
Wer weiß, welche große Rolle das Handy (Smartphone? Was ist das?) in meinem Leben spielt, der mag vielleicht ahnen, wie brutal gleichgültig meine Schulter zuckt, wenn ich genötigt werde, in einem CD-Booklet folgendes zu lesen: "Scan the Code with Your SmartPhone and Register to Unlock Exclusive Bonus Content."

Ach nö, mir reicht die Musik.



Anspieltipps: Illumination Theory, Enigma Machine, Surrender To Reason, The Enemy Inside