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2012-06-17

KREATOR - Phantom Antichrist (CD & DVD Edition)

Don Draper ist schuld.

Die großartig inszenierte Endmontage am Ende dieser einen Folge der fünften Staffel von Mad Men, als er den Plattenspieler anwirft und von "Tomorrow Never Knows", überrollt wird. Dieser Song, den ich eh schon vom Film "Sucker Punch" im Ohr hatte. Da war mir klar: Die "Revolver" ist die nächste Scheibe der Beatles, die Du Dir bei Gelegenheit mal vom MediaMarkt mit nach Hause nimmst!

Gestern war ich nun dort, steuerte nach anderen Besorgungen zielstrebig auf das "B" zu und fand dort wohl sämtliche 2009er Remaster der Beatles - bis auf die eine Scheibe, die ich haben wollte. Grmpf!

Ein Kompensationsfrustkauf war nun natürlich zwingend erforderlich. Aber wer kann schon für JohnPaulGeorgeRingo, die von jedem nachfolgenden Song aus allen Rock- und Popgenres bereits eine Blaupause aufgenommen hatten, einspringen? Eigentlich ja nur die Beatles selbst, aber das verbot sich mir aus Prinzip. Nee nee, wenn schon, dann die "Revolver"!

Vielleicht war es ja ein Zeichen vom Musikgott (nicht verwandt oder verschwägert mit dem Fußballgott), dass ich mich nach etwas ganz anderem umsehen sollte. Und tatsächlich kam ich auf das neue Album einer Band, die wohl kaum jemand jemals mit den Pilzköpfen in Verbindung bringen würde. Und hätte es sich nicht um eine Special Edition mit dem aufgeklebten Hinweis "Bonus DVD incl. LIVE @ WACKEN 2011 & 2008" gehandelt, hätte ich sie vermutlich auch liegen gelassen. "Phantom Antichrist" vom deutschen Thrash-Metal-Urgestein Kreator.


Wie, die Einleitung war jetzt zu verschwurbelt?
Ok, ich fang nochmal von vorne an:


Miland Petrozza ist schuld.
Miland, oder Mille, wie wir guten Freunde ihn nennen, ist schuld, dass ich ganz furchtbare Angst hatte. Damals, vor über zwanzig Jahren, als ich zum ersten Mal Kreators "Coma of Souls"-Album hörte, eine meiner ersten Metal-Scheiben jenseits von Iron Maiden und Metallica. Dieses infernalische Riffgewitter nach dem Intro vom Opener "When The Sun Burns Red" - und dann - Aaaahhh! - dieser böse, gepeinigte, unmenschliche Schrei! Mensch, da hab ich mich erschrocken!

Ok, damals kamen diese Erlebnisse ja zackzack hintereinander weg - schon bald war der Eindruck durch die erste Death Metal-CD, ausgerechnet das kranke Atrocity-Debüt "Hallucinations", ein wenig relativiert.
Dennoch ist der Schrei für Mille-Verhältnisse immer noch ganz gut böse, und "Coma of Souls" ist nach wie vor eine ganz großer, wichtiger Metal-Klassiker.

Mille ist definitiv mitverantwortlich für meine musikalische Sozialisation.

"Coma" und die vier Alben davor habe ich rauf und runter gehört.
Danach jedoch hatte ich nur noch selten das Bedürfnis, mir ein Studioalbum der Ruhrpottler zuzulegen und habe tatsächlich auch nur "Cause For Conflict" in meiner Sammlung.

Das hat natürlich damit zu tun, dass irgendwann eine allgemeine Übersättigung an teutonischer Haudraufmusik einsetzte.
Und man schämte sich vielleicht auch ein bisschen, denn klar - neben lichten Momenten befand sich auf den ersten Kreator-Werken natürlich sehr viel Schülerbandgerumpel. Aber es hat einen durch die Aggressivität des Vortrags und weil man's einfach nicht besser wusste, schon nachhaltig beeindruckt und sogar beeinflusst.


Aber zurück zu Mille:
Mille
ist überhaupt ganz viel. Und alles, was man über Mille sagen kann, ist eigentlich immer nett gemeint.

Denn Mille ist ganz klar einer von den Guten.

Mille hat uns im Gegensatz zu früher inzwischen natürlich ganz viel zu sagen. Will uns wachrütteln und politisieren. Und dennoch ist er als Texter irgendwie doch bei "Flag Of Hate" und "Tormentor" stehengeblieben und erster Linie immer noch ein Sklave des möglichst böse klingenden Reims.

Mille spricht sich auf der Bühne gegen Rassismus im Metal aus und präsentiert dann als Lösung des Problems - den Moshpit.

Als es in den jungen Jahren des Privatfernsehens auf dem "Heißen Stuhl" hieß, dass Heavy Metal Teufelszeug sei, da wollte man natürlich auf Milles Seite sein, aber man konnte nicht so recht verstehen, was ich er sich da so nervös einen zurechtstotterte...

Mille mag Milch nicht, weil das selbst dem Antichristen zu böse ist und unterstützt die Zeigefingerzeiger der Peta, die so gerne die Welt retten möchte, es dabei aber schon an der Befähigung zum konstruktiven Diskurs erheblich mangeln lassen.

Aber ganz im Ernst, dass mich hier niemand falsch versteht: Mille ist ein feiner Kerl!

Denn das alles spricht ja FÜR Mille.
Mille ist hat eben kein perfekt gepflegtes Image, ist eben kein allmächtiger Metal-Gott, sondern manchmal eben auch nur Mensch und dabei mitunter fehlbar.

Mille ist einer von uns.



Mille
ist Gesicht, Gitarrist, Sänger und Konstante im Line Up von  Kreator.Die Band ist natürlich inzwischen in fast allen Belangen befähigt, hämmert präzise wie Slayer, kann aber auch Melodien und Soli und Songwriting - und Mille hat sich auch im Großen und Ganzen damit arrangiert, dass seine gesanglichen Möglichkeiten eher limitiert sind.

Aber manchmal kommen sie dann doch, diese Momente, in denen er mal anders singen will, aber es einfach... naja, einfach nicht so toll kann, und auch musikalisch war man nie gefeit vor Augenblicken, in denen plötzlich ein plumpes retrospektives Arrangement an die Stumpfheit des Schülerbandkellers erinnerte, in denen Aggression plötzlich zu Putzigkeit umschlug.

Diese Widersprüchlichkeit gehört zu Kreator wohl einfach dazu, spiegelt sie doch den Menschen Mille wider, und damit - na klar - ja auch uns alle.

Dass Mille manchmal etwas klausmeinelt? Wen juckt's? Kreator schreibt man schließlich mit K.
Und das schon länger als die Herren von KraftKlub "K" überhaupt aussprechen können.

Kraftklub meineln allerdings nicht, sondern singen gleich deutsch.
Das ist von der weltweit bekannten Kultband Kreator natürlich nicht zu erwarten, auch wenn der Titel des neuen Albums in mehreren Sprachen funktioniert...


KREATOR - Phantom Antichrist (2012)

"Aaaaaaaaaalter Mille! Die Krieäytöhr knallt ja richtig! :)"
Das war mein erster Impuls auf facebook und dabei bleibe ich auch.

Schon vor dem Knall, verspricht das Machwerk eine Menge value for money. Dem Album eine DVD mit einem Zusammenschnitt der Wacken-Auftritte von 2011 und 2008 beizufügen, anstatt dieses Material separat zu veröffentlichen - das ist schon aller Ehren wert! Und für mich war es auf jeden Fall ein entscheidender Kaufanreiz. Erwartungsgemäß handelt es sich um in allen Belangen professionelle Mitschnitte, die zu hundert Prozent zeigen, welche Macht Kreator live sind und dass es kaum Thrashbands auf diesem Planeten gibt, die es mit ihnen aufnehmen können. Die Sache mit den ungelenken denglischen Ansagen, die aber auch irgendwie dazu gehören, vertiefe ich jetzt mal nicht weiter.

CD und Bonus-DVD kommen in einem Schuber daher. Meistens bedeutet dies ja, dass man in verschiedenen Schichten immer wieder auf das gleiche Artwork trifft, aber Kreator haben sich nicht lumpen lassen und für "Phantom Antichrist" gleich zwei verschiedene Cover plus jede Menge apokalyptisches Zeugs für das Booklet pinseln lassen.
Das Außencover zeigt den klassischen Kreator-Dämonen in der finalen Endschlacht, vom Gauntlet-Niveau auf "Pleasure To Kill" aufgepumpt zu epochaler Größe. Ich fühle mich etwas an Celtic Frosts "Into The Pandemonium" erinnert. Stumpfestes Metal-Klischee, aber sehr schön ausgeführt und leider geil.

Noch geiler ist allerdings das alternative superkranke Cover von Wes Benscoter, der neben vielem anderen auch schon Autopsys "Macabre Eternal" veredelt hat.

Das gesamte Artwork deutet schon darauf hin, dass es musikalisch auf diesem Album, wie Kreator selbst es auch in dem ebenfalls auf der DVD befindlichen zwanzigminütigen Making-Of-Filmchen sagen, sehr over the top zugeht. Alles episch, übertrieben, hart an der Grenze zum zu viel.

"Phantom Antichrist" zeigt die Essener am absoluten Limit dessen, was sie können. So viele Melodien, Harmonien und furiose Soli haben sie gewiss noch nie aufgefahren. Dazu kommen in "From Flood Into Fire" oder "Until Our Paths Cross Again" größtmögliche Annäherungen an teutonischen Heldenhymnengesang, bei denen Kreator schon fast in kitschige Gefilde schliddern. Trotzdem gibt das volle Brett, welches hier zelebriert wird, nie Anlass, daran zu zweifeln, dass es sich hier um Thrash Metal handelt.

Das heißt nicht, dass es gar keine holprigen Mille-Momente gäbe. Aber es sind zum Glück nur wenige. Die eine oder andere Idee oder Gesangslinie fordert immer noch etwas Gewöhnung. Und auf die Texte darf man auch nicht immer zu genau hören. Aber das ist ja bei John Petrucci oder Neal Morse auch nicht anders.

Ich fasse die Texte aller neun Songs mal als Précis zusammen: "Terror from the left, terror from the right, slaughtering creatures with no signs of regrets. Mother earth, all your beauty we have raped. Let's walk this path through flame and flood. Let there be darkness, let there be blood tonight. We are legion, united in hate, forward march, warrior race! So come on, take my hand now - let's celebrate the apocalypse! Victory will come and only death will triumph over us, only the soul will remain."

Hmm... Also, ich nehme das mit den Texten mal zurück. Eigentlich hat das in seiner Gesamtheit doch schon wieder was!

Vielleicht darf man auch gar nicht so viel darüber nachdenken. Ich schwinge jetzt lieber noch eine Weile zu "Phantom Antichrist" meine Phantom-Matte! (War gestern vorm MediaMarkt beim Friseur.)


Und "Revolver" habe ich mir jetzt bei amazon bestellt, basta!
Und den "Sucker Punch"-Soundtrack gleich dazu.

Anspieltipps: Phantom Antichrist, The Few The Proud The Broken, From Flood Into Fire, Civilisation Collapse

2012-06-10

LIS ER STILLE - Nous

Der erste Spieltag der deutschen Gruppe ist vorüber und ich fühle mich nach dem Sieg unserer nördlichen Nachbarn über die Niederlande gerade in dänischer Laune. Ein guter Zeitpunkt, um mich dem neuen Album meiner seit vorletzte Weihnachten liebsten dänischen Band zu widmen.

LIS ER STILLE - Nous (2012)

Wie schon beim nach wie vor spannenden Vorgänger "The Collibro" fällt schon gleich die originelle Verpackung auf. Diesmal hält man kein gealteretes Buch in der Hand, sondern wird in Zeiten zurückversetzt, als besonders fleißige Demobands mit Pappe, Schere und Kopierer noch liebevoll selbst Hand an die Verpackung legten. Die weiße CD-Hülle mit "Nous"-Stempel, Aufkleber und faltbarem Innenleben, die Bandarole aus schwarzem Bastelkarton, der einseitig schwarz bedruckte rosa Faltzettel, das ist von der Idee her schon ziemlich charmant. Nur leider kann die Umsetzung mit der Idee nicht ganz mithalten. Oder ist gerade das Absicht? Auf einer Seite war meine Hülle nicht vernünftig geklebt und - noch viel schlimmer - die Maße sind einfach zu klein für eine CD. Nachdem ich die Scheibe zwei Mal äußerst mühsam da rausgepult habe, lagere ich sie nun in einer externen Hülle. Da muss ich doch ein wenig an das Diorama von Spinal Tap denken.

Musikalisch werden zum Glück vor allem Erinnerungen an "The Collibro" wach. Jedes Stück von "Nous" hätte ebenso auf das vorige Album gepasst, die Band bleibt ihrem höchst eigenständigen Sound also treu. Von Stagnation auf hohem Niveau möchte ich nicht reden, da die Songs durchaus etwas sortierter, konkreter geworden sind, als die wild von einem Extrem zur nächsten springenden "Collibro"-Kompositionen. Es ist einen Hauch konventionell rockiger, allerdings nicht in einem Maße, dass man sich Sorgen machen müsste. Man könnte auch sagen, dass der Muse-Einfluss gegenüber anderen Klangkomponenten ein bisschen dominanter geworden ist.

Letztendlich ist aber auch "Nous" wieder eine stürmische, herausfordernde Angelegenheit zwischen sanftem Pianoklang und bombastischer Wall of Sound mit eigenwilligem Gesang (auf "Myte" übrigens auch mal auf dänisch), die sich ihre ganz eigene Nische irgendwo zwischen Artrock, Metal und Progressive erspielt.

Und welches Album ist nun besser? Eigentlich tun sie sich nicht viel, aber auch wenn ich die Sache mit der Verpackung ignoriere, liegt das Meisterwerk "The Collibro" immer noch vorne, schon weil es satte zwanzig Minuten länger ist. "Nous" hingegen ist nach einem Intro und sechs im schnitt etwa siebenminütigen Titeln auch schon vorbei. Und für dermaßen epische Musik nur eine Dreiviertelstunde? Da muss man das Ding wohl zum Ausgleich entsprechend häufiger hören.

Naja, meinetwegen!

Anspieltipps: Torchers, Epitome, Myte